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Ingo Schwarz

„Die besten falschesten [Humboldt-]Zitate aller Zeiten“
Von „Kuckuckszitaten“ und den Forschungen Gerald Krieghofers (1953–2025)

Zusammenfassung

Zu den meistverbreiteten Alexander von Humboldt zugeschriebenen Zitaten gehört der Satz „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.“ Der österreichische Philosoph und Zitatforscher Gerald Krieghofer (1953–2025) konnte nachweisen, dass dieses Bonmot mit großer Sicherheit nicht von Humboldt stammt. Der Aufsatz würdigt Krieghofers Arbeit zur Erforschung von Zitaten, die fälschlich Humboldt zugeschrieben werden.

Abstract

Among the most widely circulated quotations attributed to Alexander von Humboldt is the sentence, “The most dangerous of all worldviews is the worldview of those who have never viewed the world.” The Austrian philosopher and quotation researcher Gerald Krieghofer (1953–2025) was able to demonstrate that this bon mot almost certainly did not originate with Humboldt. This essay acknowledges Krieghofer’s work on researching quotations that are falsely attributed to Humboldt.

Resumen

Entre las citas más difundidas atribuidas a Alexander von Humboldt se encuentra la frase: “La cosmovisión más peligrosa es la de aquellos que nunca han visto el mundo”. El filósofo e investigador de citas austriaco Gerald Krieghofer (1953–2025) demostró que esta frase ingeniosa casi con certeza no se originó en Humboldt. Este ensayo reconoce la labor de Krieghofer en la investigación de citas falsamente atribuidas a Humboldt.

Am 22. August 2025 starb der österreichische Philosoph und Karl-Kraus-Experte Gerald Krieghofer. Weit über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus wurde er mit seinen Recherchen über falsche Zitate bekannt. Die Ergebnisse seiner Forschungen verbreitete er seit 2014 in einem Blog und in sozialen Medien.1 Im Jahr 2023 erschien sein Buch „Die besten falschesten Zitate aller Zeiten. Was Einstein, Freud und Pippi Langstrumpf so niemals gesagt haben.“2 In diesen Band gelangte auch das wohl populärste aller falschen Alexander-von-Humboldt-Zitate: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.“3 Dazu schrieb Krieghofer:

Ich wurde 2017 gefragt,4 ob das Bonmot von der gefährlichsten aller Weltanschauungen tatsächlich von Alexander von Humboldt stammt. Nun, auch dieses Zitat hat eine lange Reise hinter sich. Seit 1898 geistert es anonym durch diverse Zeitungen, bis es 1977, fast 120 Jahre nach dessen Tod, erstmals Alexander von Humboldt zugeschrieben wurde.5

Im Jahr 2017 wandte sich Gerald Krieghofer an die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften mit der Frage, ob das Weltanschauungs-Zitat in Humboldts Schriften oder Briefen nachweisbar wäre. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Projekts „Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung“ hatten schon seit längerer Zeit nach Spuren dieses Satzes in Humboldts schriftlicher Hinterlassenschaft gesucht. Der Verdacht hatte von vornherein nahegelegen, dass das Bonmot nicht von Humboldt stammte, denn den zahlreichen im Netz und anderswo verbreiteten, im Wortlaut variierenden Fassungen war eines gemeinsam: sie wurden nie mit einer Quelle genannt. Aber um einigermaßen sicherzugehen, waren die Briefe und Schriften zu prüfen. Dies konnte mit Hilfe einer älteren, nicht digitalisierten Zitatensammlung in der Humboldt-Arbeitsstelle und anhand der digitalisierten durchsuchbaren Humboldt-Texte geschehen. Das Ergebnis war negativ. Immerhin konnte man festhalten, dass Humboldt den Begriff „Weltanschauung“ tatsächlich benutzte, etwa wenn er in seinem Alterswerk „Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“ schrieb: „Das Auge ist das Organ der Weltanschauung“6. So konnte die Auskunft der Humboldt-Arbeitsstelle nur lauten: Der Satz über die „gefährliche Weltanschauung“ stammt mit großer Wahrscheinlichkeit nicht von Humboldt. Damit verstärkte sich auch Krieghofers Verdacht, dass es sich um ein „Kuckuckszitat“ handelte.7 Der Begriff „Kuckuckszitat“ für ein „geflügeltes Wort, das einer berühmten Person in ihr Nest gelegt, also fälschlich zugeschrieben wird“8 stammt nicht von Krieghofer, wurde aber gerne von ihm übernommen.

Die systematische Suche nach Spuren des Zitats führte allmählich zu erstaunlichen Resultaten, jedoch in keinem Fall zu Alexander von Humboldt. Die bisher früheste Quelle fand Bernd-Christoph Kämper in der Zeitung „Der Deutsche Correspondent“, erschienen in Baltimore, Maryland (Ausgabe von Sonntag, dem 10. April 1889, S. 9, Rubrik: „Texte für Sonntagsbetrachtungen“ von O. R.).9 Hier hat das Zitat den Wortlaut: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, die nie die Welt angeschaut haben.“10

Abb.

Abb.: Ausschnitt aus der von Bernd-Christoph Kämper gefundenen Seite der Zeitung „Der Deutsche Correspondent“ vom 10. April 1889.

 

Ob es Krieghofer mit seinem Blog gelungen ist, die falsche Zuschreibung des Zitats zu beenden oder wenigstens einzudämmen, steht dahin. Wenn man heute im Internet nach dem Satz sucht, findet man bestenfalls den Hinweis, dass er zwar Alexander von Humboldt zugeschrieben wird – allerdings wortreich ergänzt durch Erläuterungen, wie sehr er dem Geist Humboldts entspräche.

Der im Zusammenhang mit dem Weltanschauungs-Zitat geknüpfte Kontakt Gerald Krieghofers mit der Alexander-von-Humboldt-Arbeitsstelle entwickelte sich zu einem produktiven Meinungs- und Erfahrungsaustausch über echte und falsche Humboldt-Zitate. Diese Kommunikation unterstützte in einigen Fällen die Analyse von weiteren verbreiteten Humboldt-Falschzitaten. Die Ergebnisse sind in seinem Blog nachzulesen.11 Wie dort penibel dokumentiert, wurde Krieghofer bei seinen meist sehr aufwändigen Recherchen auch von weiteren, gleichermaßen interessierten Kollegen12 unterstützt.

Abschließend hier noch ein Zitat, das leider nicht mehr den Weg in den Blog fand. Auf der Seite „Gute Zitate“ findet sich bis heute der Alexander von Humboldt zugeschriebene Satz:

„Wohlstand ist, wenn man mit Geld, das man nicht hat, Dinge kauft, die man nicht braucht, um damit Leute zu beeindrucken, die man nicht mag.“13

Hier sticht der für Humboldt ganz untypische Satzbau sofort ins Auge. In etwas anderem Wortlaut wird die Sentenz auf der Seite „Poeteus“ dem US-Komiker Danny Kaye zugeschrieben:

„Immer wieder gibt der Mensch Geld aus, das er nicht hat, für Dinge, die er nicht braucht, um damit Leuten zu imponieren, die er nicht mag.“14

Alexander von Humboldt hat derartiges gewiss nicht gesagt oder geschrieben.

Diesen Verdacht teilte Gerald Krieghofer in einer E-Mail vom Mai 2023 an den Verfasser dieses Beitrags:

„Vielen Dank für den Hinweis auf dieses wohl falsche Alexander-von-Humboldt-Zitat, das anscheinend aus einem ungefähr hundert Jahre alten amerikanischen Witz um 2012 entstanden ist:

1928

„Americanism: Using money you haven’t earned to buy things you don’t need to impress people you don’t like.“

1933

Tony Wons describes Broadway’s best – where people use money they haven’t earned to impress people they don’t like.

1935

Walter Winchell describes Broadway as a place where people spend money they haven’t earned to buy things they don’t need to impress people they don’t like.

etc.

Ich melde mich wieder bei Ihnen, wenn ich – in ein, zwei Wochen – einen Artikel zu diesem Kuckuckszitat verfasst habe.“

Unter den vielen anderen Aufgaben konnte der Zitatforscher diesen Artikel ebenso wenig vollenden wie einen seit längerem geplanten Aufsatz über falsche Humboldt-Zitate für die Zeitschrift HiN – Alexander von Humboldt im Netz. Das ist überaus bedauerlich, denn an derartigen „Kuckuckszitaten“ mangelt es wahrlich nicht. So bleibt die Hoffnung, dass es weiterhin Enthusiasten gibt, die der literarischen Freibeuterei – Humboldt würde hier wohl von „ungründliche[m] Pfuschen“15 sprechen – mit sorgfältigen Quellenstudien entgegenwirken.

1 falschzitate.blogspot.com. Zu Alexander von Humboldt siehe: https://falschzitate.blogspot.com/search/label/Humboldt%20Alexander%20von [zuletzt aufgerufen am 5. 1. 2026].

2 Erschienen im Molden Verlag Wien (Krieghofer 2023).

3 Krieghofer 2023, S. 144147.

4 Dazu Krieghofer 2023, Anmerkung 4, S. 147: Danke für die Frage Christian Seidl und später Tobias Blanken.

5 Krieghofer 2023, S. 146.

6 Alexander von Humboldt: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Bd. 1. Stuttgart und Tübingen 1845, S. 8586.

7 Vgl. Krieghofer 2023, S. 147, Anm. 5.

8 Krieghofer 2023, S. 12.

9 Krieghofer 2023, S. 147, Anm. 6.

11 Siehe Anm. 1.

12 Als erfolgreiche Sucher nach den Spuren des „Weltanschauungs-Zitats“ nennt Krieghofer den Fachreferenten für Elektronische Ressourcen an der Universitätsbibliothek Stuttgart Bernd-Christoph Kämper und den Informatiker am Zentrum für Kultur- und Wissenschaftskommunikation der Fachhochschule Kiel Ralf Bülow. Außerdem wird Arno Tator erwähnt, der, wie die anderen Genannten, auch bei der Suche nach weiteren Zitaten half.

13 https://gutezitate.com/zitat/113101 [zuletzt aufgerufen am 3. 1. 2026].

15 Vgl. Alexander von Humboldt an August Böckh, Oktober 1851 in: Alexander von Humboldt – August Böckh. Briefwechsel. Hg. von Romy Werther unter Mitarbeit von Eberhard Knobloch. Berlin 2011, S. 210.

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