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Sven Schumann, Anna-Maria Begerock, Mercedes González, Evelyn Heuckendorf, Roman Sokiranski, Barbara Teßmann, Andreas Winkelmann

Über den Erwerb und Verbleib der Mumien und Schädel, gesammelt von Franz Julius Ferdinand Meyen

Zusammenfassung

Der preußische Arzt und Botaniker Franz J. F. Meyen war von 1830 bis 1832 auf Empfehlung Alexander v. Humboldts als Schiffsarzt u. a. in Südamerika tätig. Zum Teil den Spuren Humboldts folgend, erwarb er während dieser Reise sechs „peruanische“ Schädel und zwei Mumien. Die Mumien befinden sich heute in der Anatomischen Sammlung der Charité, Berlin. Während eine der Mumien skelettiert wurde, weist die andere noch Haut und Weichteile auf. Da für keine der Mumien Grabbeigaben oder Bestandteile des Totenbündels erhalten sind, bleibt ihre kulturelle Zuordnung ungewiss. Zwei der sechs Schädel konnten mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls identifiziert werden. Der Umgang mit den Mumien und Schädeln vorspanischer südamerikanischer Kulturen spiegelt beispielhaft die Forschungs- und Sammlungspraxis im 19. Jahrhundert wider.

Abstract

The Prussian physician and botanist Franz J. F. Meyen served as a ship’s doctor in South America from 1830 to 1832, on the recommendation of Alexander v. Humboldt. Partly following Humboldt’s footsteps, he acquired 6 “Peruvian” skulls and 2 mummies during this voyage. The mummies are now part of the anatomical collection of Charité, Berlin. While one of the mummies has been skeletonized, the other still retains skin and soft tissue. Since no grave goods or parts of the burial bundle have survived for the mummies, their cultural classification remains uncertain. 2 of the 6 skulls could also be identified with high probability. The handling of the mummies and skulls from pre-Columbian South American cultures is a good example of research and collection practices in the 19th century.

Resumen

El medico y botánico prusiano Franz J. F. Meyen trabajó como médico de barco en Sudamérica entre 1830 y 1832, siguiendo la recomendación de Alexander v. Humboldt. Durante este periodo adquirió 6 cráneos y 2 momias “peruanos”. Hoy, las 2 momias forman parte de la colección del anatomía, Charité, Berlin. Una de ellas ha sido esqueletizada, mientras que la otra conserva aún la piel y los tejidos blandos. Al no haberse preservado objetos funerarios ni textiles asociados, su clasificación cultural específica sigue siendo incierta. Es muy probable que se puedan identificar 2 de los 6 cráneos. Este manejo de restos humanos de Sudamérica precolombina ilustra las prácticas de coleccionismo e investigación propias del siglo XIX.

Vorbemerkung (Disclaimer)

In diesem Artikel werden historische Bezeichnungen verwendet, die wortwörtlich den Originalquellen entnommen sind. Viele dieser Begriffe sind inzwischen unzutreffend, veraltet und/oder werden als rassistisch eingeordnet. Sie geben nicht die Ansichten der Autor*innen wieder. Wir distanzieren uns ausdrücklich von allen rassistischen oder abwertenden Bedeutungen und haben da, wo es für den Sinn nicht essenziell war, derartige Begriffe weggelassen oder ersetzt.

Einleitung

Franz Julius Ferdinand Meyen (geboren am 28. Juni 1804 in Tilsit, gestorben am 2. September 1840 in Berlin) war ein deutscher Arzt und Botaniker. Er studierte von 1823 bis 1826 Medizin an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und wurde dort 1826 zum Doktor der Medizin promoviert. Er arbeitete als Arzt, u. a. für etwa ein Jahr an der Charité (um 1827). Meyens wissenschaftlicher Schwerpunkt war die mikroskopische Anatomie der Pflanzen. So unterschied er verschiedene Gewebe in Pflanzen und veröffentliche vor Matthias Jacob Schleiden und Theodor Schwann grundlegende Aspekte einer Zelltheorie. 1828 wurde Meyen zum Mitglied der Leopoldina gewählt und 1834 zum außerordentlichen Professor für Botanik an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin ernannt (Wunschmann, 1885).

Auf Empfehlung von Alexander von Humboldt nahm er von 1830 bis 1832 als Schiffsarzt an einer Expedition teil, die ihn nach Brasilien, Chile, Peru, Polynesien, China und St. Helena führte. Meyens wissenschaftliches Interesse galt nicht nur „Kulturen und Völkern“, sondern insbesondere Wanderungen von Menschengruppen. Wie in jener Zeit üblich, versuchte er die Verbreitung von „Völkern“ anhand ihrer Schädelform zu fassen und sammelte daher nicht nur Kulturobjekte, Flora und Fauna, sondern auch menschliche Überreste. In Peru hatte Meyen Gelegenheit, einige Orte zu besichtigen, die auch von Alexander von Humboldt bereist worden waren. Hier gelangte Meyen in den Besitz von zwei Mumien und sechs Schädeln, deren weiteres Schicksal im vorliegenden Beitrag genauer beleuchtet werden soll.

Anlass für unsere Recherchen war die Feststellung von Petra Werner in ihrer Publikation „Franz Julius Ferdinand Meyen: gefördert und frühvollendet“, erschienen in dieser Zeitschrift, dass zu den Mumien „Trotz aller Mühe […] leider bisher noch nichts über ihren Verbleib herausgefunden werden“ konnte, sowie ihr Aufruf, alle von Meyen erworbenen menschlichen Überreste sollten gefunden werden (Werner, 2017).

Mumien in Südamerika – eine Einführung

Die meisten und ältesten künstlichen Mumien der Welt stammen aus dem westlichen Südamerika. Im Gegensatz zu den recht gut bekannten ägyptischen Mumifizierungspraktiken sind jene der vorspanischen Kulturen Südamerikas noch unbekannt. Da die vorspanischen Kulturen schriftlos waren und die spanischen Eroberer im Zuge der Christianisierung alte Totenriten beendeten, ging das Wissen um die Mumifizierungsverfahren weitgehend verloren. Die am weitesten verbreitete Methode scheint jedoch das „Aussetzen an Hitze“ gewesen zu sein, wie z. B. beim Räuchern. Bei den südamerikanischen Mumien sind die inneren Organe im Regelfall erhalten, was eine vielfältigere Untersuchung dieser auf einstige Krankheiten ermöglicht. Auch Abdrücke von unterschiedlichen Textilien auf der Haut liefern wichtige Hinweise, die mitunter helfen können, die einstige Herkunftskultur zu bestimmen.

Erste aufwendig künstlich mumifizierte Individuen finden sich in Grablegen im Gebiet des heutigen nördlichen Chile und südlichen Perus, die auf 50001500 v. Chr. datieren. Nicht zeitlich eingrenzbar sind jedoch die Anfänge der Mumifizierungspraxis jener Mumien, deren Mumifizierungsmethode nicht bestimmbar ist und die daher meist als „natürlich mumifiziert“ beschrieben werden.

Um 1500 v. Chr. gibt es im gesamten westlichen Südamerika zwei parallel existierende Bestattungspositionen: entweder ausgestreckt auf dem Rücken liegend oder in Hockposition in einem Totenbündel. Die Toten platzierte man dann in einer Grablege, einer unterirdischen Grabkammer oder einem Grabturm. Totenbündel wurden mit Grabbeigaben gefüllt und mit absorbierendem Material (Rohbaumwolle, Blätter) ausgestopft, um eine stabile Form zu erhalten. So waren die Toten mit dem Notwendigen für die Reise in die jenseitige Welt ausgestattet und die praktische Bündelform ermöglichte es den Bestattenden, den Toten auf einfache Weise zum Bestattungsplatz zu bringen, gab es doch in vorspanischer Zeit kein Rad und auch keine Lastentiere, die schwere Lasten, wie einen Toten, hätten tragen können. Hier mag die gezielte vorherige Mumifizierung des/der Toten zusätzlich den positiven Effekt einer Gewichtsreduktion des Leichnams gehabt haben: Die Mumie eines Erwachsenen wiegt in der Regel unter 10 kg.

Der Erhalt der Ahnen als Mumien lässt sich als zentrales Element vorspanischer Kulturen konstatieren. Möglicherweise dienten die mumifizierten und vorzeigbaren Ahnen in den schriftlosen Kulturen als Zeugen für Landbesitzverhältnisse und Rechtsnormen (Begerock, 2015), wurden doch beispielsweise in den Andengebieten Grabstätten oft so angelegt, dass die Ahnen die Siedlungen und die Ländereien der Nachfahren überblicken konnten. In den Bestattungsriten und Beschreibungen der spanischen Chronisten lässt sich erkennen, dass die „Ahnenpflege“ eine reziproke Pflicht war. Speisegaben von den bewirtschafteten Feldern dienten der Ernährung der Ahnen im Jenseits und zugleich als Beleg für die Bestellung der Felder. Khipu-Schnüre wurden oftmals um den Hals der Mumienbündel gelegt und könnten eine Art Abrechnung am Ende des Bodenbaujahres dargestellt haben. Bei Khipu-Schnüren handelt es sich um Knotenschnüre, die in vorspanischer Zeit als Notationssystem zum Beispiel für einen Zensus dienten. Nicht selten finden sich die Grabstätten in der Nähe von Wasserquellen, sodass die Toten eben auch die Lebensgrundlage Wasser für ihre (!) Lebenden bewachten. Offensichtlich im Frühling, vor dem Beginn des Bodenbaujahres, vor den Mumienbündeln abgelegte Pflanzen zeugen von der Bitte an die Ahnen, im kommenden Jahr wohlwollend den Gebenden beizustehen, auf dass die Felder erneut fruchtbar und die Ernte reichhaltig werde (Shimada et al., 2006, S. 5).

Verstorbene Vorfahren sind von den Lebenden im vorspanischen Südamerika als “reanimiert“ (wieder lebendig) erachtet worden. Sie waren lebende Wesen ihrer einstigen Gemeinschaft, die jedoch nun an einem anderen Ort lebten. Diese Auffassung des Weiterlebens nach dem Tod zeigt sich bereits im sogenannten Scheinkopf, einem auf viele Mumienbündel genähten Kissen mit offenen (!) Augen, Nase und Mund. Der Tote hatte also durch das Bündel eine neue Hülle erhalten und durch das belebte Gesicht ein neues, lebendiges Wesen. Des Öfteren erhielt der Scheinkopf noch eine Perücke und einen Kopfputz, sodass auch der Status des einstigen Individuums noch angezeigt werden konnte (Abb. 1).

Alle vorspanischen Ahnenkulte wurden im Zuge der spanischen Eroberung Südamerikas im 16. Jahrhundert und der Einführung des Christentums beendet. Eine Bestattung von Toten fand fortan auf christlichen Friedhöfen, im Sarg ausgestreckt auf dem Rücken liegend, statt. Erst im späten 19. Jahrhundert, als die spanische Vorherrschaft endete und unabhängige Staaten entstanden, begann die Wiederentdeckung der Mumien durch Händler, Forschungsreisende und Sammler aus Europa und Nordamerika. Präkolumbische Artefakte und Mumien wurden zu lukrativen Handelsobjekten. Tausende Mumien und Objekte wurden aus Grabanlagen „geborgen“ und in Sammlungen überführt. Mumienbündel wurden oft bereits vor Ort geöffnet, um gewinnbringende Inhalte zu sichten (Abb. 2). Was für einen gewinnbringenden Verkauf als wertvoll genug erachtet wurde, wurde verpackt und eingeschifft. „Wertloses“ wurde vor Ort liegen gelassen. So finden sich heute in zahlreichen Sammlungen, vor allem Westeuropas und Nordamerikas, Mumien und Schädel aus vorspanischen Bestattungskontexten.

Abb. 1

Abb. 1: In vorspanischer Zeit setzte man Tote meist in sogenannten Mumienbündeln bei. Dafür wurde der Tote zunächst in Hockposition gebracht und dann in ein Bündel platziert, dass man mit absorbierenden Materialien und Grabbeigaben ausfüllte (A). Die äußere Hülle dieser Bündel konnte einfach gestaltet sein (B) oder aufwendiger, z. B. mit Kleidung und einem sogenannten Scheinkopf (C). Verändert nach Reiss und Stübel (1880).

 

Abb. 2

Abb. 2: Vorspanische Fundstätten an der Westküste Südamerikas gleichen heute Mondlandschaften. Auf der Suche nach präkolumbischen Artefakten und Mumien durchwühlen noch heute Grabräuber vorspanische Friedhöfe. Die Mumienbündel öffnete man auch zu Zeiten der Reisen von Meyen meist sofort, um noch vor Ort ihren Wert evaluieren zu können. „Interessante Bündel“ ließ man auch intakt, kaputte Bündel und Mumien dagegen beließ man meist vor Ort, da der Verkaufserlös zu gering war. Verändert nach Reiss und Stübel (1880, Tafel 6).

 

Erste menschliche Überreste wurden, meist über die Botschaften der jeweiligen lateinamerikanischen Länder, bereits restituiert. Jedoch ist zum einen aufgrund der schlechten Funddokumentation die genaue Herkunft dieser Human Remains oft unklar. Zum anderen führten die Vorherrschaften zunächst der Inka und dann der spanischen Kolonialherren zu Bevölkerungsverschiebungen, einer Trennung von Bevölkerungsgruppen von ihren Ahnen oder auch einem Erlöschen vieler Herkunftsgruppen.

Meyens Reiseroute in Peru und sein Interesse an Human Remains

Meyen nahm von 1830 bis 1832 an einer von der Preußischen Seehandlung organisierten Weltumsegelung als Schiffsarzt teil (Meyen, 1834a; Müller, 1987). Im Rahmen dieser Reise war er von März bis Mai 1831 in Peru unterwegs, und zwar in Arica, am Titicaca-See und Puno (Meyen, 1834a) sowie in Arequipa, Callao und Lima (Meyen, 1835) (Abb. 3).

Abb. 3

Abb. 3: Übersicht der Orte, die von Meyen auf seiner Peru-Reise besucht wurden, sowie angegebene Herkunftsorte der Mumien (Pasco) und Schädel (Trujillo). Karte erstellt von Sven Schumann mit Datawrapper.

 

Wie zuvor auf den Philippinen (Meyen, 1834b, S. 5) interessierte ihn auch hier die Wanderung der Bevölkerungsgruppen: „In der neuen Welt zogen die Völker von Norden hinab, sie wurden gedrängt von den kriegerischen Stämmen und mussten diesen ihre Wohnsitze überlassen […]“ (Meyen, 1834b, S. 6). Mit diesem Satz beginnt er seine kurze historische Zusammenfassung über vorinkaische Kulturen und den kriegerischen Einfall der Inka nebst Zwangsumsiedlungen, die kurz vor Ankunft der spanischen Eroberer zu massiven Bevölkerungsverschiebungen führten.

Ebenfalls interessierte ihn die „Ursprache“, vielleicht das Quechua, dem sich interessanterweise auch Wilhelm von Humboldt in seinen Studien widmete (Meyen, 1834b, S. 14). Diese Sprachstudien waren Meyen nicht nur bekannt, sondern wurden von ihm als weiteres Werkzeug bewertet, die Wanderung der Inka und die Festigung ihrer neuen Vorherrschaft erkennbar zu machen. Mit diesem Passus zollt Meyen auch dem anderen Bruder, Wilhelm von Humboldt, Tribut, wenngleich auch Alexander von Humboldt sein Mentor vor und nach der Reise war und selbstverständlich nicht unerwähnt bleiben kann: „Herr Alex. v. Humboldt sagt, dass er stundenlang unter den Ruinen der alten Stadt bei Truxillo umhergeritten sey, und dass der Umfang dieses Ortes einst die Grösse von Berlin gehabt habe. Dieses Reich des grossen Chimu war einst sehr mächtig; ja es geht eine Sage, dass die Bewohner desselben einst bis nach Quito gezogen seyen und es erobert hätten. Jetzt sind auch sie mit ihrem Stamme verschwunden; Haufen von Gerippen zeigen nur noch die Schlachtfelder, wo einst die Unabhängigkeit dieser Völker gebrochen wurde“ (Meyen, 1834b, S. 16). „Truxillo“ (heute „Trujillo“ geschrieben) befindet sich an der Nordküste des heutigen Peru. Es handelt sich um eine moderne Hafenstadt, gegründet in der spanischen Zeit, die umgeben ist von zahlreichen vorspanischen Friedhöfen und weitläufigen Stadtanlagen, die aus verschiedenen vorinkaischen Jahrhunderten stammen und aus ungebrannten Lehmziegeln errichtet wurden. Bereits zur Zeit der Ankunft der Spanier waren diese Gebäudekomplexe Ruinen. Bis heute bringen Erosion und Baumaßnahmen sowie Grabräuberei immer neue Funde von einstigen Bestattungen hervor, von denen auch Meyen profitierte.

Die „Notwendigkeit“, von diesem Ort des vorinkaischen Großreiches der Chimu Schädel mitzubringen, beschreibt Meyen wie folgt: „Mit allem Rechte sagte einst Rudolphi [Karl Asmund Rudolphi, Anatom und Physiologe in Berlin, Anmerkung der Autor*innen], dass bei den Amerikanern das Gemeinschaftliche des Schädels noch nicht völlig ausgemittelt sey. Viel zu unvollkommen sind unsere Schädel-Sammlungen bis auf den heutigen Tag; besonders da die Reisenden diesen Gegenstand fast bis zu Anfange dieses Jahrhunderts gänzlich vernachlässigten. Geleitet durch die Entdeckung zweier von einander ganz verschiedener Menschen-Raçen im Peruanischen Reiche, haben wir hierüber weitere Nachforschungen angestellt, und sind zu dem Resultate gekommen, dass die Völker Amerika’s sich überhaupt in zwei charakteristisch verschiedene Stämme theilen, von denen wir den einen, welcher die östlich gelegenen Länder fast ausschliesslich inne hat, die Caraibische Raçe nennen, den andern aber, welcher die westlichen Küsten-Länder bis zur Höhe der Cordilleren hinauf bewohnt, mit dem Namen der Küsten-Raçe belegen wollen.“ (Meyen, 1834b, S. 1718)

Folglich „sammelte“ Meyen sechs „peruanische“ Schädel und zwei „peruanische“ Mumien: „Wir haben sechs Schädel von diesem Volke des grossen Chimu mitgebracht, die aus einer Grabstätte bei Truxillo entnommen sind, wie sie zu jener Zeit vor der Eroberung durch die Spanier errichtet wurden“ (Meyen, 1834b, S. 16). Dies ist die einzig erhaltene Beschreibung des Fundortes der Schädel. Die Gegend ist hier flach und die Friedhöfe bestehen aus zahlreichen unterirdischen Grabkammern, oft auch mit mehreren „Etagen“, in die Mumienbündel nebst Grabbeigaben beigesetzt wurden. Zu den beiden Mumien sagt Meyen, sie stammten aus „natürlichen Höhlen der Felsen, in der Nähe von Pasco“ (Meyen, 1834b, S. 29). Pasco wird im 19. Jahrhundert häufig von Reisenden aufgesucht, weil sich dort Erz-Minen befanden und der dortige, andersartige Abbauprozess den Reisenden interessant erschien. Darüber hinaus befinden sich in Pasco vorspanische archäologische Stätten, mit unterirdischen Grablegen und oberirdischen Grabtürmen. Im 12. und 13. Jahrhundert werden in der Region alle Siedlungen „fortifiziert“, erhalten also Wehrtürme und oft auch Wehrmauern. Dies lässt sich u. a. dadurch erklären, dass das Klima in der Region trockener wurde und viele Kämpfe um Zugang zu Wasser sowie eine starke Migration herrschten. Diese Wehrtürme markieren bis heute die Ausdehnung der vorspanischen Orte. Nebst Betrachtungen zu den klimatischen Bedingungen, die einer natürlichen Mumifizierung zuträglich waren, sowie der Hockposition der Mumien, die Meyen auch an den dort lebenden Peruanern seiner Zeit beobachtete (Meyen, 1834b, S. 31), beschreibt er die vorspanischen Grablegen als je nach gesellschaftlichem Status verschieden. Die erworbenen Mumien stammten aus Felsnischen und werden von ihm den „Armen“ (Meyen, 1834b, S. 29) zugeordnet. Eine der beiden Mumien und vier der sechs Schädel werden in seiner Publikation abgebildet (Abb. 5A und 6).

Abb. 4

Abb. 4: Skelettierte Mumie N.C.1191. in der Ansicht von vorne (A) und von links (B). Zusätzlich zum Schild („Skelet einer Peruaner-Mumie in Hocker-Stellung. A.N.15658. N.C.1191.“) trägt der Schädel die Nummern 26214 und N.C.1135,11. Der Verbleib der Fußskelette ist unbekannt. Fotografien von © Birgit Formann, Charité – Universitätsmedizin Berlin.

 

Wie aus den Reisebeschreibungen (Meyen, 1834a; Meyen, 1835) und den oben aufgelisteten Orten seiner Reise hervorgeht, war Meyen allerdings nicht, wie Werner annimmt (Werner, 2017), selbst an diesen Orten und hat diese Mumien und Schädel daher nicht unmittelbar selbst erworben oder ausgegraben. Meyen selbst erwähnt nur an anderer Stelle, dass er sie „der Freundschaft unseres hochverehrten Landsmannes, des Herrn Schultz zu Lima“ zu verdanken habe (Meyen, 1834b, S. 16) – vermutlich hat er ihn in Lima getroffen und sie von ihm angekauft. In Meyens Reisebeschreibungen (Meyen, 1834a; Meyen, 1835) wird dieser Herr Schultz leider nicht erwähnt.

Núñez Hague (2013, S. 301) gelangt in ihren Recherchen zu dem Schluss, dass es sich bei Herrn Schultz um denselben „Landsmann S. F. Scholtz“ handeln muss, den zwei Jahre zuvor auch der deutsche Amerikaforscher Eduard Poeppig in Lima traf. In diesem Falle würde es sich bei Meyens Schreibweise „Schultz“ entweder um einen Schreibfehler handeln oder er konnte sich nicht mehr an den korrekten Namen erinnern, als er seinen Text niederschrieb.

Laut Núñez Hague gab Scholtz auch Poeppig vor Ort Ratschläge zu seiner Reiseplanung. Eduard Poeppig (17981868) war 1822 bis 1832 in Amerika unterwegs und im Mai 1829 kurz in Lima gewesen, ist also Meyen nicht begegnet. Poeppig selbst beschreibt Scholtz als den „Chef eines deutschen Handelshauses (Huth, Grüning und Co.)“ (Poeppig, 1835, S. 59). Llorca-Jaña (2012) gibt den kompletten Vornamen an und beschreibt ihn als „a senior clerk called Samuel Frederick Scholtz“ der Firma Huth & Co., einer Londoner Firma mit deutschstämmigem Chef, deren Hauptvertreter Daniel W. Coit 1822 in Chile und Lima Dependancen eröffnete. Eine weitere Quelle sagt dazu: „Chef der Firma war zunächst Samuel Friedrich Scholtz, ein Schlesier aus Breslau, der eine Zeitlang in Peru tätig gewesen war. Er ist bekannt geworden durch seine Bemühungen um die Genehmigung zur Errichtung eines protestantischen Friedhofs [in Valparaiso]. Zu diesem Zweck arbeitete er mit dem englischen Konsul zusammen. Als das Ziel erreicht war, hielt eine Tafel mit einer englischen Inschrift das Ergebnis seiner Bemühungen zur Erinnerung fest“ (Kellenbenz, 1990). Laut Staatsarchiv Hamburg war Scholtz 18221828 auch Konsul der Stadt Hamburg in Lima [Signatur: 132-6/24 („Hamburgisches Konsulat und Generalkonsulat in Lima“). Mehr ist über Scholtz’ Leben in Peru nicht zu erfahren und es bleibt daher letztlich unklar, über welche Wege Scholtz die Schädel einst selbst erworben hatte und unter welchen Umständen er sie Meyen übergab. Seine Funktion, seine Kontakte wie vielleicht auch ein eigenes Interesse an den vorspanischen Kulturen in Chile und Peru mögen Poeppig wie auch dann Meyen geholfen haben, die gewünschten Human Remains käuflich erwerben zu können. Unklar bleibt, über welche Mittelsmänner und aus welchen Ausgrabungsplätzen genau.

Während hinsichtlich des Erwerbs der Schädel Scholtz hier als Vermittler explizit genannt wird, erwähnt Meyen für die Mumien keinen Mittelsmann, sondern bezeichnet sie nur als „diejenigen, welche wir mitgebracht haben“ (Meyen, 1834b, S. 30). Diese Umschreibung findet sich in der gleichen Publikation auch für die „Schädel aus Truxillo“ (z. B. Meyen, 1834b, S. 22) und zeigt, wenn auch indirekt, die gängige Praxis jener Tage: es war zur Auffindung der vorspanischen Grablegen auch im Hochland von Pasco ein lokaler Führer oder eine vermittelte Kontaktperson nötig. Meyen widmet Pasco umfangreiche Passagen in seinen Publikationen, sodass der Eindruck erweckt wird, dass er selbst vor Ort war und die Mumien dort erwarb. Dies widerspricht jedoch seiner angegebenen Reiseroute, sodass davon ausgegangen werden muss, dass er die Mumien über einen (unbekannten) Verkäufer bezog. Daher muss auch seine Beschreibung, „Die beiden Mumien […] wurden in solchen natürlichen Höhlen der Felsen, in der Nähe von Pasco, gefunden“, mit Vorsicht bewertet werden.

Nach welchen Kriterien erfolgte die Auswahl der erworbenen Human Remains? Vermutlich sollten die gesammelten Schädel und Mumien die Idee von zwei konkurrierenden „Volksstämmen“ unterstützen: Während die Schädel von Meyen den „Ur-Eingeborenen“ zugerechnet werden, vermeinte er in den Mumien Beispiele für „Einwanderer“ aus dem „Inca-Stamm“ zu erkennen:

„Diese Schädel […] betrachten wir als repräsentierend die Typen des Ur-Eingebornen von Peru, und die Verschiedenheit der Physionomien, verglichen mit den Schädeln des Inca-Stammes, von dem wir zwei Mumien mitzubringen das Glück hatten, ist so auffallend, dass sich auf den ersten Blick die Verschiedenheit dieser beiden Nationen erkennen lässt, ein Gegenstand, den wir hier genauer zu betrachten uns vorgesetzt haben.“ (Meyen, 1834b, S. 16).

Ein besonderes Kriterium, das Meyen als charakteristisch für die „Ur-Eingebornen von Peru“ herausstellt und das sicherlich auch einen Einfluss auf die Auswahl der Schädel hatte, ist das Vorhandensein eines besonderen Typs der künstlichen Kopfdeformationen: Die „Ur-Eingebornen von Peru“, so Meyen, „drückten nämlich den Hinterkopf ein und es blieb entweder die Stirne normal, oder sie wurde dadurch nur noch mehr hervorgetrieben“ (Meyen, 1834b, S. 34). Im Gegensatz dazu drückten die Inka, so Meyen, „die Stirne nieder, so dass diese eine auffallend abgeplattete Form erhielt, wobei der Hinterkopf ziemlich normal blieb“ (Meyen, 1834b, S. 34).

Auf mehreren Seiten beschreibt Meyen die „mitgebrachten Schädel“ und ihre Auffälligkeiten, um vermeintliche Unterschiede einer Urbevölkerung und Einwanderern erkennen zu wollen und schließt ganz euphorisch, im Sinne einer „erfolgreichen Sammeltätigkeit“: „Wir haben hiermit nachgewiesen, dass die Menschen, welche die Hochebenen von Peru in der Umgegend von Pasco und Cuzco bewohnten, von den Ur-Eingebornen des Landes nicht nur durch Gebräuche, sondern auch durch die charakteristische Bildung des Schädels verschieden waren.“

Interessanterweise belässt es Meyen aber nicht bei der Beschreibung von zwei unterschiedlichen „Volksstämmen“, sondern er versucht sich auch an einer Erklärung, die die geographische Situation in Südamerika miteinschließt: „Alle Fragen über den Ursprung der Autochthonen, und wie viele es deren gegeben, sind nicht zu beantworten. Voraussetzend, dass die Völker Amerika’s daselbst geboren und nicht aus Asien übergegangen seyen, wird es eben so leicht seyn, anzunehmen, dass die ganze Menschenmasse Amerikas nach zwei Haupt-Typen gebildet sey. Vielleicht war ursprünglich eine dieser Raçen östlich und die andere westlich von der grossen Gebirgskette, die ganz Amerika der Länge nach durchschneidet, hervorgegangen; wenigstens bildet wohl nirgends eine Gebirgskette eine solche Scheidewand in der Pflanzen- und Thierwelt, wie die Cordilleren in Amerika.“ (Meyen, 1834b, S. 19). Die Vorstellung von zwei konkurrierenden „Volksstämmen“ in Südamerika gilt heute als überholt, sowie auch dies an der Schädelform „belegen“ zu wollen.

Spuren in der Sammlung der Berliner Anatomie

Meyens medizinische Ausbildung und berufliche Tätigkeit ist eng mit Berlin verbunden. Er studierte Medizin an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, wo er auch zum Dr. med. promovierte, arbeitete als Unterarzt in der Berliner Charité, und war u. a. in Berlin als Militärchirurg tätig. So wundert eine Einlieferung seiner Funde an jene Institution, mit deren Sammlung er wohlvertraut war, nicht.

Aus Meyens Publikationen lässt sich erkennen, wie umfangreich seine Recherchen zum Thema der vorspanischen Kulturen waren. So kannte er sich gut mit den Berliner Sammlungen an „peruanischen“ menschlichen Überresten aus: „Das anatomische Museum der Universität zu Berlin besitzt einige Schädel amerikanischer Völkerschaften aus sehr interessanten Gegenden, in deren Physionomie sich die beiden vorhin genannten Menschen-Raçen sehr bestimmt unterscheiden lassen. Die Schädel von der Nord-West-Küste von Amerika haben fast ganz dieselbe Bildung, wie die von uns aus den Gräbern von Truxillo mitgebrachten, […] Dagegen gehören die Schädel vom Inca-Stamme zur Caraibischen Raçe […] von denen die hiesige Königl. Sammlung eine ausgezeichnete Reihe von Schädeln besitzt“ (Meyen, 1834b, S. 18).

I. Über den Verbleib der peruanischen Mumien

Die beiden o. g. Mumien gelangten nachfolgend in die Anatomische Sammlung der Berliner Universität (damals Friedrich-Wilhelms-Universität, heute Teil der Charité). Hier tragen sie die Bezeichnungen „Skelet einer Peruaner-Mumie in Hocker-Stellung. A.N.15658. N.C.1191.“ (Abb. 4) und „Peruaner-Mumie. A.N.15657. N.C.1190.“ (Abb. 5).

Abb. 5

Abb. 5: A: Zeichnung der Mumie N.C.1190. aus der „Menschen-Raçen“-Publikation von Meyen. B + C: Heutiger Zustand der Mumie in der Sammlung des Fächerverbunds Anatomie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, in der Ansicht von vorne (B) und von links (C). Fotografien von © Birgit Formann, Charité – Universitätsmedizin Berlin.

 

Abb. 6

Abb. 6: Zeichnungen von vier unterschiedlichen peruanischen Schädeln aus Trujillo aus der „Menschen-Raçen“-Publikation von Meyen. A: Schädel 1 in der Ansicht von vorne. B: Schädel 2 in der Ansicht von links. C: Schädel 3 in der Ansicht von links und von hinten. D: Schädel 4 in der Ansicht von rechts und von hinten. Deutlich sichtbar sind die artifiziellen Verformungen der Schädel sowie bei C und D das Auftreten von Nahtknochen (Ossa suturalia).

 

Zum Zeitpunkt der Drucklegung der „Menschen-Raçen“-Abhandlung, 1834, die Meyen als Autor noch selbst verantworten konnte, findet sich die Information, dass die „beiden Mumien, die wir von unserer Reise mitgebracht haben (…) gegenwärtig im anatomischen Museum zu Berlin aufgestellt sind (Meyen, 1834b, S. 29). Dies deutet darauf hin, dass beide Mumien 1834, bei Erscheinen der Publikation, noch intakt waren, und im „anatomischen Museum“ ausgestellt waren – es muss sich um die damals öffentlich zugängliche anatomische Sammlung im Universitätshauptgebäude Unter den Linden gehandelt haben. Erst in den 1880er Jahren zogen Teile dieser großen Sammlung ins heutige Gebäude um (Winkelmann, 2018, S. 24). Es ist davon auszugehen, dass beide Mumien zum Zeitpunkt ihres Auffindens als Mumien- oder Totenbündel intakte Belege der Mumifizierungspraktiken vorspanischer Kulturen waren. Wie in jener Zeit des Sammelns jedoch üblich, bestimmte auch hier die historische Trennung der Disziplinen (Anthropologie und Ethnologie) die „Fundteilung“: Mumien, die noch Kleidung trugen, wurden oft „ausgezogen“. Die nackten Mumien wurden der Anthropologie/Anatomie und die Kleidung der Ethnographie/Ethnologie zugeordnet. Wo sich die einstige Bekleidung der Mumien und ihre Grabbeigaben heute befinden, bleibt unklar.

Da in jener Zeit noch keine uns heute gängig bekannten „Durchleuchtungsmethoden“ wie Röntgen oder die Computertomografie erfunden waren, ereilte eine der beiden Mumien (N.C.1191.) zu einem heute unbekannten Zeitpunkt jenes Schicksal, das für vorspanische Mumien, die in jener Zeit in anthropologische Sammlungen kamen, typisch ist: die Haut und andere Weichteile wurden entfernt, um anthropologische Untersuchungen „am Knochenmaterial“ vornehmen zu können. Um sie jedoch als Belegexemplar für die kulturellen Praktiken vorspanischer Kulturen zu erhalten, setzte man das disartikulierte Skelett durch Metallfäden wieder zusammen und platzierte den Toten in der einstigen Hockposition. Während man beispielsweise in der Welcker-Sammlung in Halle an der Saale die Mumien vor der Entfernung der Haut zeichnen ließ (Steinicke, 2021, S. 3743), hatte man in der Sammlung der Berliner Anatomie „den glücklichen Umstand“, zwei Mumien zu haben, sodass eine intakt belassen wurde.

Die skelettierte Mumie wurde vom Berliner Anatomen Gustav Broesike (18531922) in seinem Katalog über das anthropologische Material des Anatomischen Museums ausführlich beschrieben: „Männliche Mumie (Skelet) aus Peru, in der sitzenden Stellung der Mumie. Es fehlen der sechste Halswirbel (ersetzt durch einen 1cm starken Holzpflock), der fünfte Kreuzbeinwirbel, das Steissbein, die Füsse. Zwischenwirbelscheiben aus Leder. Ein überzähliger Lendenwirbel. Collum femoris ist zur Axe des Femur so steil gestellt, dass der Trochanter maior die Kuppe des Gelenkkopfes überragt. Linker Humerus etwas dünner als der rechte. Claviculae stehen mit den lateralen Enden sehr hoch. Die drei Theile des Sternum durch Knorpel verbunden.“ Darüber hinaus führt Broesike eine Vielzahl morphometrischer Daten auf und gibt eine genaue Beschreibung des Schädels (Broesike, 1881). Der Schädel trägt die zusätzlichen Nummern 26214 und N.C.1135,11.

Die zweite Mumie (N.C.1190.) wird von Broesike unter der Überschrift „Verzeichniss von verschiedenen anderen anthropologischen Gegenständen“ nur kurz beschrieben: „Mumie in sitzender Stellung aus einem peruanischen Grabe. Hierzu gehören zwei Schachteln mit ziemlich langen, schlichten, schwarzen Haaren.“ (Broesike, 1881). Auf der Mumienhaut der zweiten Mumie (N.C.1190.) finden sich leider wenig Textilspuren, sodass eine kulturelle Zuordnung hierüber nicht mehr möglich ist. Es lässt sich aber feststellen, dass Textilien und Pflanzenfasern den Körper bereits umhüllten, als die Mumifizierung ihren Abschluss fand. Die Zeichnung Meyens belegt, dass die zweite Mumie mindestens noch mit einem Tuch bedeckt war, als sie von Meyen erworben wurde. Der Verbleib dieses Stoffstücks ist, wie bereits erwähnt, leider unbekannt. Vielleicht wurde das Tuch beim Umzug der Sammlung an den heutigen Standort entfernt, da es für eine anatomische Sammlung aus damaliger Sicht nicht von Bedeutung war. Ebenfalls lässt sich auch nicht mehr rekonstruieren, ob die Mumien in einem einfachen oder aufwendigeren Totenbündel beigesetzt worden waren und welche Grabbeigaben die bestattende Gemeinschaft für sie ausgewählt hatte. Auch der Verbleib der Schachteln mit den Haaren ist unbekannt.

Bezüglich der Mumifizierungspraxis „seiner“ Mumien schreibt Meyen, dass diese „ohne alle Beihülfe der Kunst aufbewahrt“ worden seien (Meyen, 1834b, S. 30). Sie schienen ihm also natürlich mumifiziert. Von anderen Mumien berichtet er hingegen: „Die Zunge, die Lungen und alle übrigen Eingeweide der Brust und des Bauches wurden durch eine Oeffnung im Gesässe herausgezogen, und die Höhle wurde darauf mit einem feinen, leberfarbenen Pulver ausgefüllt“ (Meyen, 1834b, S. 27). Während sich seine Aussagen für die erste Mumie aufgrund der Skelettierung nicht mehr nachvollziehen lassen, zeigt die zweite Mumie (N.C.1190.), entgegen der Ansicht von Meyen, deutliche Hinweise auf die Durchführung einer künstlichen Mumifizierung. Dies konnte durch eine durchgeführte Computertomografie-Untersuchung bestätigt werden. Details zu dieser Untersuchung sollen, zusammen mit anderen bioarchäologischen Befunden, an anderer Stelle veröffentlicht und diskutiert werden.

II. Über den Verbleib der peruanischen Schädel

Abgesehen von den zwei „peruanischen“ Mumien enthalten die historischen Kataloge der Anatomischen Sammlung der Berliner Universität insgesamt 102 Schädel sowie eine kleine Sammlung von elf Einzelknochen mit der Bezeichnung „Peru“. Von diesen 102 Schädeln finden sich 30 in den veröffentlichten Katalogen von Broesike (1881) und Rabl-Rückhard (1883), die jeweils auf einen verschollenen „Alten Katalog“ verweisen (Winkelmann, 2013), während 72 Schädel in dem noch vorhandenen handschriftlichen Katalog von Wilhelm Waldeyer (geführt 18831916) aufgelistet sind. Von ersteren sind noch 67, von letzteren noch 19 Schädel heute in der Sammlung. Die von Meyen erwähnten sechs Schädel (Meyen, 1834b, S. 16) sind höchstwahrscheinlich die in Tabelle 1 aufgelisteten Schädel, da die „alten Nummern“ von fünf von ihnen direkt beieinander liegen und für einen zeitgleichen Eintrag in den alten Katalog sprechen. Auch wenn dieser Katalog im Zweiten Weltkrieg verloren ging, wissen wir, dass die Nummern 7198 bis 10785 zwischen Mai 1833 und Mai 1838 vergeben wurden (Hulverscheidt und Winkelmann, 2026; Winkelmann, 2013). Daher passen die Nummern um 7350 gut zu Meyens Übergabe der Schädel an die Anatomie nach seiner Reise bis 1831. Der Schädel mit Nummer 9910 scheint zwei bis drei Jahre später in den Katalog eingetragen worden zu sein, ist aber in Broesikes Katalog wie drei der fünf anderen ausdrücklich als aus „Truxillo“ stammend bezeichnet. Im „Neuen Katalog“, der von Waldeyer in den 1880ern begonnen wurde, um ältere Sammlungsstücke neu zu ordnen, sind diese sechs Schädel außerdem unter einer Nummer 1135 zusammengefasst, was sie als „von einer Ethnie stammend“ kennzeichnete. Nur ein weiterer peruanischer Schädel mit einer älteren Nummer findet sich in der Sammlung, Nr. 2279 (von vor 1802), während alle anderen Schädel mit Peru-Bezug höhere Nummern ab 22 000 tragen, also nach 1870 katalogisiert wurden. Darüber, warum Schädel Nr. 9910 später katalogisiert wurde, kann nur spekuliert werden. Manchmal waren einzelne Präparate von besonderem Interesse eines Forschers und lagen darum z. B. länger in seinen Räumen, bevor sie in die allgemeine Sammlung zurückgegeben und erst dann katalogisiert wurden. Dasselbe scheint für die beiden Mumien zu gelten, deren „A.N.“-Nummern auf eine deutlich spätere Katalogisierung verweisen. Zudem fiel Meyens Überlassung in eine Zeit des Wechsels in der Berliner Anatomie, als 1832 der Direktor Carl Asmund Rudolphi starb und 1833 Johannes Müller neu berufen wurde (Winkelmann, 2018, S. 19).

Von diesen sechs Schädeln sind heute nur noch zwei als Teil der anatomischen Sammlung erhalten und befinden sich aktuell im Depot der Staatlichen Museen zu Berlin. Sie wurden Teil der so genannten „Rassenschädelsammlung“ und erhielten die Nummern 652 (= N.C.1135,1 = A.N.7350) und 653 (= N.C. 1135,6 = A.N.9910). Diese Sammlung existierte zwar schon seit Waldeyers Zeit, aber sie erhielt ihre Nummern nicht vor den 1950er Jahren.

A.N.

Nr. Broesike

Text Broesike

N.C.

Nr. „Rassenschädelsammlung“

7350

273

Eingeborener Peruaner aus den Gräbern bei Truxillo

1135,1

652

7351

271

1135,2

 

7352

269

Eingeborener Peruaner aus den Gräbern bei Truxillo

1135,3

 

7353

272

1135,4

 

7354

268

Eingeborener Peruaner aus den Gräbern bei Truxillo

1135,5

 

9910

270

Eingeborener Peruaner aus den Gräbern bei Truxillo

1135,6

653

Tabelle 1: Von Broesike (1881, S. 57–59) aufgeführte Schädel unter der Überschrift „Peruaner-Schädel“. Broesike gibt die Nummer im Alten Katalog an (A.N. = „Alte Nummer“) sowie Beschreibungen und Maße der Schädel. N.C. = „Neuer Catalog“. „Eingeboren“ bezieht sich darauf, dass die Schädel aus einem vorspanischen Grab entnommen wurden. „Peruaner“ ist eine Bezeichnung, die sich auf das „Alte Peru“ bezieht. Ähnlich den Bezeichnungen wie „Altes Ägypten“, für die vorrömischen und vorislamischen Epochen, wird unter „Altperu“ die vorkoloniale Geschichte des mittleren Andenraumes subsumiert. Sie orientiert sich in etwa an der Ausdehnung des Inkareiches oder des spanischen Vizekönigreiches Peru.

 

Beide erhaltenen Schädel gehörten nach morphologischen Kriterien zu Frauen: schwach ausgeprägter Arcus superciliaris, scharfkantiger Oberrand der Orbita und zarter Processus mastoideus (Buikstra und Ubelaker, 1994). Bei beiden Schädeln fehlt der Unterkiefer. Bei Schädel A.N.7350 findet sich eine zugehörige Haarprobe.

A.N.7350 trägt nur die Aufschrift „Peru“ (Abb. 7A), A.N.9910 die schwer leserliche Aufschrift „Peruanus ex Sepulc. Truxillo“ (Abb. 7B und 7D). Keiner trägt einen direkten Hinweis auf den Sammler Meyen. Insbesondere entspricht keiner der beiden erhaltenen Schädel einem der vier gezeichneten Schädel in Meyens „Menschen-Raçen“-Publikation. Warum ausgerechnet die beiden erhaltenen Schädel nicht in der Publikation abgebildet worden sind, lässt sich nur vermuten. Schädel A.N.7350 weist einen ausgeprägten Defekt auf der linken Seite auf (Jochbogen und Teile des Oberkiefers fehlen). Bei Schädel A.N.9910 fällt eine deutliche Asymmetrie des Hinterhaupts auf (Abb. 7C) und die Kalotte wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt durch einen Sägeschnitt abgetrennt und mit zwei Metall-Stiftchen befestigt. Möglicherweise führten die Beschädigungen und Asymmetrien dazu, dass beide Schädel nicht für die Erstellung von Illustrationen genutzt wurden.

Abb. 7

Abb. 7: A: Schädel A.N.7350. mit der Aufschrift „Peru“. Der Gesichtsschädel weist linksseitig ausgeprägte Defekte auf. B: Schädel A.N.9910. in der Ansicht von rechts mit der Aufschrift „Peruanus ex Sepulc. Truxillo“. C: Kalotte von Schädel A.N.9910. in der Ansicht von oben. D: Aufschrift „Peruanus ex Sepulc. Truxillo“ von Schädel A.N.9910. unter ultraviolettem Licht.

 

Fazit

Franz Julius Ferdinand Meyen war von 1830 bis 1832 als Schiffsarzt u. a. in Südamerika tätig. Zum Teil den Spuren von Alexander von Humboldt folgend, erwarb er während dieser Reise sechs „peruanische“ Schädel und zwei „peruanische“ Mumien. Die beiden Mumien konnten in der Anatomischen Sammlung der Berliner Universität (heute: Fächerverbund Anatomie, Charité – Universitätsmedizin Berlin) sicher identifiziert werden. Während eine der beiden Mumien skelettiert wurde, weist die andere noch Haut und Weichteile auf. Während sich der Verbleib von vier der sechs „peruanischen“ Schädeln verliert, konnten zwei noch erhaltene Schädel mit großer Wahrscheinlichkeit identifiziert werden. Sie waren Teil derselben anatomischen Sammlung in Berlin und sind jetzt in der Obhut der Staatlichen Museen zu Berlin. Da jedoch außer den groben Fundorten keine näheren Angaben zu den Fundorten gemacht wurden und sich weder für die Schädel noch die Mumien Grabbeigaben, Bekleidung und Textilien des Totenbündels erhalten sind, bleibt ihre kulturelle Zuordnung schlussendlich ungewiss. Selbst die Angabe des Fundortes bleibt aufgrund des Erwerbs durch Mittelsmänner zu hinterfragen.

Danksagung

Die Autor*innen danken der Bibliothek der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina e. V. für das Einscannen von Abbildungen aus Meyens Publikationen.

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