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Vera M. Kutzinski, Ingo Schwarz

„Ich bin es aber einem inneren moralischen Gefühle schuldig …“
Neue Dokumente und Hintergründe zum Humboldt’schen Protest gegen J. S. Thrashers The Island of Cuba

Abstract

In 1856 Alexander von Humboldt felt compelled to publish a short article in German, English, French, and American newspapers, in which he protested against J. S. Thrasher’s mutilation of his Essai politique sur l’île de Cuba. Thrasher had published an English-language version of this text in New York, in which he falsified and omitted Humboldt’s sentiments about slavery and the transatlantic slave trade. Our article offers a closer look at Thrasher’s unauthorized infringements and Humboldt’s reaction to them, including briefly the impact Humboldt’s protest had on the 1856 U.S. presidential elections. A second section focuses on Thrasher and his advocacy of Cuba’s annexation to the United States as yet another slave state.

Zusammenfassung

Im Jahr 1856 sah sich Alexander von Humboldt genötigt, einen kurzen Artikel in deutschen, englischen, französischen und amerikanischen Zeitungen zu veröffentlichen, in dem er gegen die Verstümmelung seines Essai politique sur l’île de Cuba durch J. S. Thrasher protestierte. Dieser hatte in New York eine englische Bearbeitung des Kuba-Werkes herausgegeben, in der er Humboldts Ansichten zur Sklaverei und zum transatlantischen Sklavenhandel entweder verfälschte oder gänzlich ausließ. Diese unautorisierten Eingriffe werden in unserem Aufsatz genauer untersucht. Kurz behandelt wird auch die Rolle, die Humboldts Protest bei den US-Präsidentschaftswahlen von 1856 spielte. Ein zweiter Abschnitt beschäftigt sich mit Thrasher als Verfechter einer Angliederung Kubas an die USA als weiteren Sklavenstaat.

Resumen

En 1856, Alexander von Humboldt se vio obligado a publicar un artículo en periódicos alemanes, ingleses, franceses y estadounidenses en protesta por la mutilación de su Essai politique sur l’île de Cuba por J. S. Thrasher. Thrasher había publicado una versión en inglés de esta obra sobre Cuba en Nueva York, omitiendo o deformando las opiniones de Humboldt sobre la esclavitud y la trata transatlántica. Estas intervenciones no autorizadas se examinan con más detalle en nuestro ensayo. También se analiza brevemente el papel que desempeñó la protesta de Humboldt en las elecciones presidenciales estadounidenses de 1856. Una segunda sección trata sobre Thrasher como defensor de la anexión de Cuba a los EE. UU. como otro estado esclavista.

I.

Ende des Jahres 1855 erschien im New Yorker Verlag Derby und Jackson der aus dem Spanischen von John S. Thrasher (18171879) übersetzte Band The Island of Cuba, by Alexander Humboldt1, dem der Übersetzer sowohl eine umfangreiche Einführung als auch seine eigenen Fußnoten beigesteuert hatte. Thrasher sandte Humboldt, wohl durch den Verlag, ein Exemplar mit dem folgenden Begleitschreiben:

New York
14 December 1855.

Sir,

Will you permit me to offer for your acceptance the accompanying copy of a translation I have attempted to make of your excellent work on ‚The Island of Cuba‘, and which has just been published by J. C. Derby Esq of this city. –

I have taken the liberty to differ with you on some of the | 2 | general principles of social economy in this Continent, but I have endeavored to do so with a proper deference to your great attainments and eminent powers. –

Different views of the applicability of general laws may be entertained without any diminution of personal regard, and I beg leave to assure you that in the present instance they have not diminished in any way the high esteem I | 3 | hold for yourself and your opinions. –

I would be much gratified to receive from you a simple autographic acknowledgement of the receipt of the book. –

Should you deem it worthy of such an honor a line addressed to the care of my Publisher in this city would reach me. –

I have the honor to be,

With sentiments of high regard,
Your very ob[edien]t serv[ant]
J. S. Thrasher.

To His Excellency
Baron Alexander Humboldt.
&c&c&c
[Dazu von Humboldts Hand auf S. 4:] Île de Cuba2

Humboldt erhielt Buch und Brief vermutlich erst im Sommer 1856. Es versteht sich, dass er den Band sofort durchblätterte und mit dem Ensayo político sobre la Isla de Cuba3, der spanischen Übersetzung seines 1826 erstmals in französischer Sprache erschienenen Essai politique sur l’île de Cuba4 verglich. Dabei musste er feststellen, dass der Übersetzer eigenmächtig größere Teile weggelassen hatte. Die Resultate seines Vergleichs hielt er auf einer Seite in dem Thrasher-Band fest:

C’est à la page 336 de cette traduction anglaise que Mr Th[rasher] termine mon Essai politique sur l’Ile de Cuba.5

Il a supprimé sans doute [pour]6 des raisons politiques tout l’article que l’éd[ition] espagnole appel[l]e Esclavos (Paris 1827 cap VII p 261–287.7)

Ce morceau que je vois supprimé avec aigreur se trouve dans l’édition du Voy[age] en 4to T. III p 4454598

(L’atroce législat[ion] des É[tats]U[nis] p 613)

Dans l’éd[ition] en 8vo T. XII (1826)9 p 6697.

Comparaison : anglaise de Mr Thrasher et espagnole

Popula[tion] p 183–21010 = Población p 96–[1]2411

Slavery p 211–23112 = p 124

Races p 232–24913 = 125–15814

Abb. 1

Abb. 1: Humboldts handschriftliche Notizen auf einer Seite in Thrashers Band. Fotografiert von Tobias Kraft. Vgl. Fußnote 14.

 

Beim Vergleich des Ensayo político … mit dem Text von The Island of Cuba … erkannte Humboldt sofort, dass Thrashers Eingriffe aus politischen Gründen erfolgt waren. Das konnte er nicht unkommentiert hinnehmen. Seinem Sekretär Eduard Buschmann (18051880) sandte er folgendes Schreiben:

Der böse Theil der Nordamerikaner hat wieder Gelüste nach Negerfleisch und Cuba. Ich muss mich rächen durch Anzeigen in deutschen, englischen und amerikanischen Zeitungen. Sollte es mir auch einige Flüsse, Berge und Gletscher kosten15. Damit Sie sehen wo man weggestrichen hat, lege ich Ihnen Zeichen in die spanische u[nd] neue engl[ische] Uebersezung.

Ich bitte nur sehr unbescheiden theurer Freund dass Sie vor Freitag mir beide Abschriften auf zwei verschiedenen Seiten desselben kleinen Formats schenken. Fangen Sie mit dem Deutschen Texte an, er wird Ihnen das französische erleichtern. Da ich den französischen Text an Mr De Sacy schicke für das J[ournal] des Débats (er ist so viel ich weiss membre de l’Inst[itut] –16 Acad[émie] des Insc[riptions] geworden) so werde ich in dem Briefe ihn auch für Ihren Preis ansprechen. Damit ich illustre Confrère sage, so fragen Sie ja nach etwa bei dem Babylonier Oppert17?

Mittwoch

Ihr
Sie quälender
AHt

Legen Sie mir mein Original bei.
[Am Rand:] Lesen Sie die Carne humaine
[Von Buschmanns Hand:] B[erlin] 23 Juli 1856“18

Abb. 2

Abb. 2: Humboldts Brief an Eduard Buschmann.

 

Offenbar hatte Humboldt schon sein Protestschreiben auf Deutsch und Französisch entworfen, das Buschmann für die Publikation kopieren sollte. Der deutsche Text erschien in den Berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen vom 25. Juli 1856, S. [4] und hat den folgenden Wortlaut:

Insel Cuba

Ich habe in Paris im Jahr 1826 unter dem Titel Essai politique sur l’Isle de Cuba in zwei Bänden alles vereinigt, was die große Ausgabe meines Voyage aux Régions équinoxiales du Nouveau Continent im T. III p. 44545919 über den Agricultur- und Sklavenzustand der Antillen enthält. Eine englische20 und eine spanische Uebersetzung sind von diesem Werke zu derselben Zeit erschienen, letztere als Ensayo político sobre la isla de Cuba, und ohne etwas von den sehr freien Aueßerungen wegzulassen, welche die Gefühle der Menschlichkeit einflößen. Jetzt eben erscheint, sonderbar genug, aus der spanischen Ausgabe und nicht aus dem französischen Original übersetzt, in New-York in der Buchhandlung von Derby und Jackson ein Octavband von 400 Seiten unter dem Titel: The Island of Cuba, by Alexander Humboldt. With notes and a preliminary Essay by J. S. Thrasher. Der Uebersetzer, welcher lange auf der schönen Insel gelebt, hat mein Werk durch neuere Thatsachen über den numerischen Zustand der Bevölkerung, der Landescultur und der Gewerbe bereichert, und überall in der Discussion über entgegengesetzte Meinungen eine wohlwollende Mäßigung bewiesen. Ich bin es aber einem inneren moralischen Gefühle schuldig, das heute noch eben so lebhaft ist, als im Jahr 1826, eine Klage darüber öffentlich auszusprechen, daß in einem Werke, welches meinen Namen führt, das ganze 7te Capitel der spanischen Uebersetzung (p. 261–287.) mit dem mein Essai politique endigte, eigenmächtig weggelassen worden ist. Auf diesen Theil meiner Schrift lege ich eine weit größere Wichtigkeit als auf die mühevollen Arbeiten astronomischer Ortsbestimmungen, magnetischer Intensitäts-Versuche oder statistischer Angaben. J’ai examiné avec franchise (ich wiederhole die Worte, deren ich mich vor 30 Jahren bediente) ce qui concerne l’organisation des sociétés humaines dans les Colonies, l’inégale répartition des droits et des jouissances de la vie, les dangers menaçants que la sagesse des législateurs et la modération des hommes libres peuvent éloigner, quelle que soit la forme des gouvernements. Il appartient au voyageur qui a vu de près ce qui tourmente et dégrade la nature humaine, de faire parvenir les plaintes de l’infortune à ceux qui ont le devoir de les soulager. J’ai rappelé dans cet exposé, combien l’ancienne législation espagnole de l’esclavage est moins inhumaine et moins atroce que celle des États à esclaves dans l’Amérique continentale au nord et au sud de l’équateur.21 Ein beharrlicher Vertheidiger der freiesten Meinungsäußerung in Rede und Schrift, würde ich mir selbst nie eine Klage erlaubt haben, wenn ich auch mit großer Bitterkeit wegen meiner Behauptungen angegriffen würde; aber ich glaube dagegen auch fordern zu dürfen, daß man in den freien Staaten des Continents von Amerika lesen könne, was in der spanischen Uebersetzung seit dem ersten Jahre des Erscheinens hat circuliren dürfen.

Berlin, im Juli 1856.

Alexander v. Humboldt22

In der Nacht vom 25. auf den 26. Juli äußert Humboldt gegenüber Buschmann die folgende Bitte:

Ich muss allerdings Gebrauch […] von Ihren grossmüthigen Anerbieten machen und flehe um noch zwei franz[ösische] Abschriften[,] eine für Gerolt23 im feindlichen Lande [der sie] übersezen soll […] so unlieb es ihm dem Diplomaten auch sein wird[,] und eine für Silvestre de Sacy dessen Gunst wir brauchen werden, da er viele Verbindungen hat.24

Hier also der französische Text, wie er wenige Tage später im Pariser Journal des débats erschien:

J’ai publié à Paris séparément en deux volumes, il y a trente ans, sous le titre Essai politique sur l’île de Cuba ce que le troisième volume de la grande édition en – 4° de mon Voyage aux Régions équinoxiales du Nouveau Continent p. [445459]25, renferme de notions statistiques sur le Antilles. Il a paru dans le temps en anglais et en espagnol des traductions de mon ouvrage, et c’est sur la traduction espagnol (Ensayo político sobre la isla de Cuba) que se fonde un ouvrage de 400 pages qui vient d’être publié à New-York (chez MM. Derby et Jackson) sous le titre : The island of Cuba, by Alexander Humboldt, with notes and a preliminary Essay, by J. S. Thrasher. Le traducteur a enrichi son travail, fait avec un soin très louable, de renseignemens importans qui ont rapport aux accroissements de la prospérité publique. La discussion des opinions plus ou moins discordantes a été traitée par M. Thrasher avec une bienveillante modération. Guidé par un sentiment moral qui depuis 1826 n’a pas diminué de vivacité, je dois regretter que dans un livre sur l’ile de Cuba qui porte mon nom, le chapitre placé à la fin de l’Essai politique (le capitulo VII de la traduction espagnole, p. 261–287), ait été entièrement supprimé. C’est dans ce chapitre, qui me tient bien plus à cœur que mes travaux de géographie astronomique, de magnétisme terrestre ou de statistique industrielle et agricole, que j’ai examiné ce qui regarde l’organisation des sociétés humaines dans les colonies, l’inégale répartition des droits et des jouissances de la vie, les dangers menaçans que la sagesse des législateurs et la modération des hommes libres peuvent éloigner, quelle que soit la forme des gouvernements. Il appartient au voyageur qui a vu de près ce qui tourmente et dégrade la nature humaine, de faire parvenir les plaintes de l’infortune à ceux qui ont le devoir de les soulager. J’ai rappelé dans cet exposé, combien l’ancienne législation espagnole de l’esclavage est moins inhumaine et moins atroce que celle des Etats à esclaves dans l’Amérique continentale, au nord et au sud de l’équateur. Défenseur zélé et constant de la libre énonciation des opinions, je ne me plaindrais jamais de la plus acerbe critique dirigée contre moi ; mais je crois user de mon droit en désirant qu’on puisse lire en anglais dans les Etats libres de l’Amérique ce qui, traduit du français en espagnol, a pu circuler librement depuis tant d’années.

ALEXANDRE DE HUMBOLDT.

A Berlin, en juillet 185626

Wie wir der Korrespondenz mit Buschmann entnehmen konnten, wurde dieser Text an den Journalisten Samuel Ustazade Silvestre de Sacy27 in Paris geschickt. Ein Begleitbrief von Humboldt ist bisher nicht bekannt geworden.

Am 29. Juli lässt Humboldt seinen Sekretär Buschmann wissen, dass eine französische Abschrift seines Protestschreibens und wohl auch ein Ausschnitt aus der Spenerschen Zeitung an Friedrich von Gerolt in Richtung Vereinigte Staaten auf dem Weg sei.28 Es ist gut denkbar, dass sich Humboldt hier der Diplomatenpost bedienen konnte. Schon am 12. August erschien Humboldts Klage zum ersten Mal in einer nordamerikanischen Zeitung:

Baron Von Humboldt’s Political Essay on Cuba –

Letter from the Author on the omission of a Chapter by the Translator.

Baron VON HUMBOLDT has caused the following article to be inserted in the Spenersche Zeitung:

Under the title of Essai Politique sur l’Isle de Cuba, published in Paris 1826, I collected together all that the large edition of my Voyage aux Régions Équinoxiales du Nouveau Continent contained upon the state of Agriculture and Slavery in the Antilles. There appeared at the same time an English and a Spanish translation of this work, the latter entitled Ensayo Político sobre la Isla de Cuba, neither of which omitted any of the frank and open remarks which feelings of humanity had inspired. But there appears just now, strangely enough, translated from the Spanish translation, and not from the French original, and published by DERBY & JACKSON in New-York, an octavo volume of 400 pages under the title of The Island of Cuba, by ALEXANDER HUMBOLDT; with notes and a preliminary essay by J. S. THRASHER. The translator, who has lived a long time on that beautiful island, has enriched my work by more recent data on the subject of the numerical standing of the population, of the cultivation of the soil, and the state of trade, and, generally speaking, exhibited a charitable moderation in his discussion of conflicting opinions. I owe it, however, to a moral feeling, that is now as lively in me as it was in 1826, publicly to complain that in a work which bears my name the entire seventh chapter of the Spanish translation, with which my Essai Politique ended, has been arbitrarily omitted. To this very portion of my work I attach greater importance than to any astronomical observations, experiments of magnetic intensity, or statistical statements. „J’ai examiné avec franchise (I here repeat the words which I used 30 years ago) ce qui concerne l’organisation des sociétés humaines dans les colonies, l’inégale répartition des droits et des jouissances de la vie, les dangers menaçants que la sagesse des législateurs et la modération des hommes libres peuvent éloigner, quelle que soit la forme des Gouvernements. Il appartient au voyageur qui a vu de près ce qui tourmente et dégrade la nature humaine, de faire parvenir les plaintes de l’infortune à ceux qui ont le devoir de les soulager. J’ai rappelé dans cet exposé combien l’ancienne législation Espagnole de l’esclavage est moins inhumaine et moins atroce que celle des Etats à esclaves dans l’Amérique continentale au nord et au sud de l’équateur.“ A steady advocate as I am for the most unfettered expression of opinion in speech or writing, I should never have thought of complaining if I had been attacked on account of my statements; but I do think I am entitled to demand that in the Free States of the continent of America, people should be allowed to read what has been permitted to circulate from the first year of its appearance in a Spanish translation.

ALEXANDER VON HUMBOLDT

BERLIN, July 185629

Von nun an hielt Friedrich von Gerolt den Berliner Gelehrten über die Wirkung des Protestes auf dem Laufenden. Am 25. August schrieb er aus New York an Humboldt:

[…] ich beeile mich, Ihrem Wunsche gemäß, zwei Auszüge von hiesigen Zeitungen (N[ew] York Herald30und Courrier des États unis31) zu übersenden, welche Ihre Veröffentlichung über die Sklaverei in Cuba enthalten, so wie die von Herrn Thrasher darauf in hiesigen Zeitungen veröffentlichte Entschuldigung, welche allerdings sehr lahm ist.

Die Sache hat hier überall großes Aufsehen gemacht und konnte den Gegnern der Sklaverei, welche Frémont32 zu ihrem Kandidaten gewählt haben, nur willkommen sein.

Vor einigen Tagen hielten die deutschen Wähler desselben, viele tausende an der Zahl, ein Mass-meeting zu Gunsten Frémont’s und hielten Abends einen glänzenden Fackelzug zu seinen Ehren.

Die Sklavenfrage wird täglich bedenklicher. Während die Repräsentantenkammer der Regierung das Budget für die Armee verringert, treffen von Kansas täglich Nachrichten von blutigen Konflikten zwischen den free soilers33 und den Sklavenhaltern ein34. Man hofft jedoch[,] daß nach Beendigung der Präsidentenwahl (im November) der innere Frieden wieder hergestellt werden wird.35

Die Gerolt’sche Nachricht belegt, dass Humboldts Protest im US-amerikanischen Wahlkampf von 1856 durchaus eine Rolle gespielt hat. Vor allem in Zeitungen der Sklavereigegner wurde er vielfach nachgedruckt.36

Hier die Erwiderung Thrashers auf Humboldts Protest, die von Gerolt „sehr lahm“ nannte:

NEW-YORK, Aug[ust] 17, 1856.

To the Editor of the New-York Daily Times:

DEAR SIR: I have noticed in your journal an article which has been published by Baron HUMBOLDT in the Spenersche Zeitung, in relation to my translation of his essay on the Island of Cuba, published by DERBY & JACKSON. As your readers may be led to infer that I have willfully mutilated a work of that great writer, I request you will publish the following explanation.

Being desirous of placing in the hands of American readers such information in relation to the Island of Cuba as my studies had enabled me to obtain, I made the translation referred to, as being the best work I have ever seen on the subject. In undertaking this labor, I was not aware that any English version of the work had ever been made, and I used the Spanish edition for text, simply because, being ignorant of the French language, I could not translate the essay from that tongue.

As it was written thirty years ago, during which time the material development of Cuba had been very great, a continuance of Baron Humboldt’s remarks became necessary, in order to bring the subject matter up to the present time, and this labor I have inserted in notes. In carrying out the design of a work on Cuba, I deemed that I could not take up the subject at a more appropriate point than that where the illustrious author had left it in 1826.

The chapter complained of as being omitted is a distinct essay ‚On Slavery,‘ and is so entitled in the volume where it is published. Cuba is only incidentally alluded to in it, while it begins with this express declaration: ‚I here close the Examen, or Political Essay on Cuba, in which I have presented the state of this important Spanish possession as it at present exists.‘ Baron Humboldt’s complaint is not that I have mutilated his essay on Cuba, but that I have not published all the matter contained in the volume from which I have translated his work on that important island. I would add that no one entertains a higher or more sincere regard than I do for the great and venerable name of Baron Von Humboldt.

I would ask those journals that may have alluded to or published the article in question to publish also this letter.

Very respectfully, yours.

J. S. THRASHER37

Bekanntlich gewann 1856 nicht der Kandidat der Republikanischen Partei, John C. Frémont, sondern der Demokrat James Buchanan, den Humboldt als „cubasüchtig“ bezeichnete38. Humboldt brachte seine Enttäuschung darüber in einem Brief an seinen Freund Karl August Varnhagen von Ense so zum Ausdruck: „Und die schändliche Parthei, die fünfzigpfündige Negerkinder verkauft, […] die erweist daß alle weiße Arbeiter auch besser Sklaven als Freie wären, – hat gesiegt. Welche Unthat“.39

II.

Wer war nun eigentlich John Sidney Thrasher? In „El traductor de Humboldt en la historia de Cuba“, seinem Nachwort zu der kubanischen Neuauflage von Humboldts Kuba-Essay aus dem Jahr 1930, beschrieb Fernando Ortiz40 Thrasher als „einen amerikanischen Reporter, der nach Kuba reiste, um dort auf der Welle der kubanischen Agitationen gegen die Herrschaft Spaniens zu reiten und diese unruhigen Wasser für das Ziel zu nutzen, den hellen Stern Kubas der föderierten Konstellation der Vereinigten Staaten von Amerika hinzuzufügen“.41

Im Klartext hieß das: Annexion Kubas durch die USA. Thrasher hatte mehrere Jahre auf der Insel Kuba verbracht. Im Jahr 1850 wurde er zum inoffiziellen Herausgeber von El Faro Industrial de La Habana, einem Blatt, das trotz seines Namens als literarische Zeitschrift fungierte, die sich angeblich von der Politik fernhielt, was sie natürlich nicht tat. Kubas Generalkapitän, José Gutiérrez de la Concha (18091895), den Ortiz bezeichnenderweise „Kubas Diktator“ nennt, tolerierte El Faro zeitweise, um dadurch den Anschein einer freien kubanischen Presse zu erwecken. Allerdings suchte er nur nach einem Vorwand, um die Zeitschrift zu schließen, und Thrasher bot ihm bald einen solchen Anlass. Dessen politische Überzeugungen waren in Kuba wohlbekannt, und er wurde berechtigterweise verdächtigt, unter dem Decknamen „El Yankee“ mit dem Freibeuter Narciso López zusammengearbeitet zu haben. López und seine Komplizen wurden 1851 hingerichtet, und Gutiérrez de la Concha nutzte die zunehmende öffentliche Unbeliebtheit von El Faro, um an Thrasher, den er „den effektivsten Agenten der piratenhaften Streifzüge von Narciso López“42 nannte, ein Exempel zu statuieren. Kurzerhand verbot der Generalkapitän die Zeitschrift und stellte zudem sicher, dass Thrasher zu acht Jahren Haft verurteilt und unverzüglich in das berüchtigte nordafrikanische Gefängnis von Ceuta überstellt wurde. Durch eine von den Vereinigten Staaten diplomatisch erwirkte Begnadigung gelangte Thrasher jedoch bereits nach einem Jahr wieder auf freien Fuß, allerdings unter der Bedingung, dass er niemals in die spanischen Kolonien zurückkehre: „sollte er jemals dort angetroffen werden, würde er seine volle Haftstrafe absitzen müssen“.43

Abb. 3

Abb. 3: Porträt John S. Thrashers. Ausschnitt aus der Zeitschrift Gleason’s Pictorial Drawing-Room Companion wohl Ende 1851 oder 1852. Quelle: New York Public Library Digital Collection. The Miriam and Ira D. Wallach Division of Art, Prints and Photographs: Print Collection. https://digitalcollections.nypl.org/items/022bbd20-a07d-0130-8fe8-58d385a7bbd0

 

Da er also nicht nach Kuba zurückkehren konnte, verlagerte Thrasher seine Operationsbasis nach New Orleans, wo er die Zeitschrift The Beacon of Cuba gründete und im Exil lebende anti-loyalistisch gesinnte Kubaner ausfindig machte, um das Feuer der Annexion Kubas in den Vereinigten Staaten erneut zu schüren. Obwohl die meisten Kubaner Mitte 1850 ihr Interesse an der amerikanischen Annexionspolitik verloren hatten, waren viele Nordamerikaner weiterhin für eine Anbindung der Insel. Laut Ortiz verhinderte allein der Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten eine Annektierung.44 Im Mittelpunkt der damaligen Annexionsdebatte stand natürlich die Sklaverei, genauer, die wirtschaftliche Bedeutsamkeit der Sklaverei. Tatsächlich war einer der Faktoren, die bei Kubas Wirtschaftselite separatistische, also Pro-Annexions-Gefühle weckten, die Sorge, dass Spanien aufgrund des zunehmenden Drucks von Seiten Englands die Sklaverei abschaffen könnte, was ihrer Meinung nach vor allem den Ruin der kubanischen Zuckerproduktion bedeuten würde. Diese Sorge sollte sich als grundlos erweisen, denn die Sklaverei bestand auf Kuba bis 1886. Um 1850 glaubten viele einflussreiche Kubaner, dass eine auf Sklavenarbeit aufgebaute Ökonomie am besten weiterbestehen könnte, wenn man die Insel den Vereinigten Staaten als einen weiteren Sklavenstaat anschlösse, ein Ansinnen, das selbstverständlich von Politikern aus den sklavenhaltenden Südstaaten der USA unterstützt wurde. Immerhin war Kuba schon lange ein wichtiger Handelspartner der USA, dessen Bedeutung mit dem sich in den 1850er Jahren ausweitenden internationalen Freihandel und dem damit verbundenen Niedergang des spanischen Wirtschaftsmonopols noch weiter zunahm. Alexander von Humboldt hatte in seinem Essai politique sur l’île de Cuba schon überzeugend dargelegt, dass solcherlei wirtschaftliche Argumente zugunsten der Sklaverei haltlos waren. Doch kannten nur wenige Kubaner seine Erörterungen, zumal die erste spanische Version von Humboldts Text, El ensayo político sobre la isla de Cuba, gleich nach ihrem Erscheinen auf der Insel verboten worden war. Ausnahmen waren allenfalls der mit Humboldt befreundete Politiker und Landbesitzer Francisco Arango y Parreño (17651837) und die Mitglieder der Sociedad Económica de Amigos del País. Kubanische Leser wurden erst 1930 (wieder) auf Humboldts Text dadurch aufmerksam, dass Fernando Ortiz, der damalige Herausgeber der einflussreichen Zeitschrift Revista Bimestre de Cuba, die unterdrückte spanische Übersetzung des Essai politique sur l’île de Cuba in seiner renommierten Serie Libros Cubanos neu auflegte und sie sowohl mit einer umfangreichen Einführung als auch einem Nachwort versah, das er einer ausführlichen Kritik Thrashers widmete.45 Am Ende dieser Ausgabe erschien gewissermaßen als corpus delicti eine spanische Übersetzung von Thrashers Vorwort zu The Island of Cuba unter dem Titel „Ensayo preliminar“, auf dessen eher ironische Platzierung im Anhang Ortiz in einer Fußnote noch zusätzlich hinwies.46

Als Mitte der 1850er Jahre die Popularität von Thrashers politischer pro-Sklaverei-Agenda einstweilig abklang, versuchte er, eine gewisse Glaubwürdigkeit durch seine (verfälschte) Version von Alexander von Humboldts Ensayo político sobre la Isla de Cuba zu untermauern.

Als ein Befürworter der Sklaverei glaubte Thrasher sicherlich, dass er am wirksamsten einen Beitrag zur Annexion Kubas leisten konnte, wenn er die Erfahrungen und Kenntnisse, die er während seines langjährigen Aufenthaltes auf der Insel gesammelt hatte, den Amerikanern vermittelte. Zur Verbreitung seiner Propaganda konnte er offenbar kein besseres Mittel finden als die englische Übersetzung und Bearbeitung von Alexander von Humboldts Ensayo político sobre la isla de Cuba. Allerdings machte er dabei den – in Humboldts Augen – unverzeihlichen Fehler, genau den Teil des Buches zu unterdrücken, der seinen eigenen rassistischen und politischen Vorurteilen und allem darin Enthaltenen, das nicht mit seinen Argumenten zur Beibehaltung der Sklaverei übereinstimmte, widersprach.47

Es ist einerseits sonderbar, dass als Quelle die in Kuba verbotene spanische Übersetzung des Humboldt’schen Essays diente. Wie er selbst in seiner Erwiderung auf Humboldts Protestschreibens erwähnte, war Thrasher der französischen Sprache unkundig und kannte auch Helen Maria Williams’ Personal narrative of travels to the equinoctial regions of the New Continent during the years 17991804 nicht.48 Andererseits war aber dieses Verbot vermutlich auch eine Versicherung, dass kaum jemand Thrashers Version angreifen würde. Dabei hatte er allerdings nicht mit Humboldts Reaktion gerechnet.

Fernando Ortiz, der Thrashers „treulose“ Verstümmelungen als „ungeheuerlich“ anprangerte, wies darauf hin, dass The Island of Cuba „nicht nur Textpassagen und Betrachtungsweisen ausließ, sondern auch drastische Veränderungen in der Reihenfolge von Humboldts Material vornahm“.49 Um diese Verzerrungen aufzuzeigen, stellte Ortiz die Gliederung in Thrashers Version den Unterteilungen im Ausgangstext, also der spanischen Übersetzung aus dem Jahre 1827, gegenüber.

Thrashers Kapitel:

Chap. I: General Views

II: Physical Aspects

III: Climate

IV: Geography

V: Population

VI: Slavery

VII: Races

VIII: Sugar Culture

IX: Agriculture

X: Commerce

XI: Internal Communications

XII: Revenue

XIII: A Trip to Trinidad

Humboldts eigene Unterteilungen, die Ortiz auch als „Kapitel“ bezeichnet:

I: Consideraciones generales acerca de la posición y del aspecto físico de la Isla de Cuba. – Observaciones astronómicas

II: Extensión. – Clima. – Estado de las costas. – División territorial

III: Población

IV: Agricultura

V: Comercio

VI: Hacienda

VII: Viaje al Valle de los Güines, etc.50

Es ist bemerkenswert, dass Ortiz für diesen Vergleich offenbar nicht den französischen Text zu Rate zog, und er räumte ein, dass auch er die frühere englische Übersetzung des Politischen Essays von Helen Maria Williams nicht kannte, die 1825 als Kapitel 28 in Band VII der Personal Narrative of a Voyage to the Equinoctial Regions of the New Continent erschienen war.51 Hätte Ortiz den zweibändigen französischen Originaltext von 1826 konsultiert, hätte ihm auffallen müssen, dass Humboldt seinen Essai politique gar nicht in Kapitel unterteilt hatte. Die sogenannten „Kapitel laut Humboldt“ erscheinen nur in Humboldts Relation historique und wurden aus dieser Ausgabe von José López de Bustamante, dem Verfasser des Ensayo político sobre la isla de Cuba52, mit der vom Original abweichenden Nummerierung (Kapitel 28 wird zu Kapitel 1) übernommen, die auch Ortiz benutzt.

Wie auch Thrashers Gliederung des Textes, so weicht auch der Rest seiner Übersetzung erheblich von der spanischen Vorlage ab. Besonders auffällig – aber nur wenn man weiß, wohin man sehen muss – ist Thrashers Auslassung des langen Abschnittes über die Sklaverei, der auf Humboldts eigene Beobachtungen während seiner Besuche von drei Zuckerplantagen in der Nähe von Havanna zurückgeht. Thrashers Kapitel VI, das den Titel „Slavery“ trägt, enthält nicht Humboldts Erörterungen über die Sklaverei, sondern Teile seiner Diskussion der Bevölkerung Kubas. Beim überraschenden Fehlen eines solchen Kapitels in Ortiz’ Aufstellung, wo es eigentlich als Kapitel VII hätte angegeben sein müssen, scheint es sich zwar um einen unbeabsichtigten Irrtum zu handeln, aber es ist dennoch höchst ironisch, dass Ortiz’ Liste von Humboldts vermeintlichen Kapiteln genau das Kapitel weglässt, für dessen Auslassung er Thrasher anklagt.

Thrashers Manipulationen von Humboldts Text gingen zu dessen Verdruss noch weiter. Thrasher verkürzte den spanischen Titel Ensayo político sobre la isla de Cuba zunächst zu The Island of Cuba by Alexander Humboldt, der in den Kolumnentitel und am Anfang des Haupttextes zu Humboldt’s Cuba verkümmerte. Weiterhin entfernte Thrasher nicht nur alle Sätze und Abschnitte, in denen Humboldt die Sklaverei kritisierte, sondern auch Humboldts zahlreiche ausführliche Erläuterungen der Schriften anderer Wissenschaftler und seiner Zusammenarbeit mit ihnen. Von Humboldts umfangreicher „Analyse raisonnée de la carte de l’île de Cuba“ bleibt keine Spur. Thrasher tilgte zudem viele von Humboldts Fußnoten und ersetzte sie, wenn überhaupt, durch seine eigenen Aktualisierungen. Häufig veränderte er Humboldts Zahlen, z. B. um das Verhältnis der nicht-europäischen Bevölkerung (also Sklaven sowie freie und freigelassene Schwarze) zur sogenannten weißen und damit freien Bevölkerung spanischer Abstammung als geringer darzustellen, als sie in Wirklichkeit war. Auf diese Weise wurden gleich auf der ersten Seite von Thrashers Text Humboldts „drei Fünftel“ der freien Bevölkerung Kubas zu „drei Vierteln“.53

In The Island of Cuba endet jedes Kapitel mit „Notes“, also mit Thrashers eigenen, ergänzenden Ausführungen und Kommentaren, die den Leserinnen und Lesern wiederholt seine politischen Überzeugungen vor Augen führen. So ersetzt der Bearbeiter Humboldts detaillierte Diskussion der Schwierigkeit, die genaue geographische Position von Havanna zu bestimmen, mit Bemerkungen über den Schiffbau und einer langen Liste der Schiffe, die zwischen 1723 und 1796 in Havanna gebaut wurden.54 Humboldt beendet diesen Abschnitt mit einer wissenschaftlichen Frage über Unterschiede der magnetischen Inklination. Thrasher hingegen weist seine Leser lieber auf die Konflikte zwischen Spanien und Kuba hin, speziell auf die Tatsache, dass Mitte des 19. Jahrhunderts Spanien den Schiffbau auf der Insel verboten hatte und Schiffe dort nur noch repariert werden konnten. „Der Grund dafür ist“, so Thrasher, „dass Schiffbau in Kuba Arbeitslosigkeit im Mutterland verursacht“.55 Was hier unausgesprochen bleibt und nur angedeutet wird ist, dass Kuba ohne Spanien und als Teil der USA sich wirtschaftlich viel besser stehen würde. Eine Besprechung von The Island of Cuba in der New York Daily Times aus dem Jahre 1856 sprach sogar von der „manifest destiny“ Kubas.

Thrasher war darauf fixiert, Humboldts Erzählung neu zu konfigurieren; so behielt er nur selten die Absatzlängen des Originaltextes bei. Die durch Thrasher gekürzten Abschnitte sollten die Humboldt’schen „lesbarer“ machen, gleichsam mundgerechtere Informationshäppchen zubereiten. Die für Humboldts Erzählstil typischen verschlungenen Pfade, die oftmals in mehrere Richtungen gleichzeitig führen, sollten damit begradigt werden. The Island of Cuba lässt nichts übrig von der Atemlosigkeit und auch den Ver(w)irrungen, die das Lesen von Humboldts langen Sätzen und Textpassagen so spannend machen. Verloren geht zudem das dichte Gefüge der Humboldt’schen Prosa, die das Lesepublikum mit scheinbar wahllosen Großschreibungen und kapriziösen Kursivierungen zugleich verwirren und erfreuen. Zusätzlich geht die für Humboldt typische Vielfalt in der Orthographie und sein häufiger Gebrauch von Wörtern und Wendungen aus dem Spanischen und anderen Sprachen verloren.56 Da Humboldt die Vielfalt lokaler Varianten und kultureller Unterschiede bewahren wollte, weigerte er sich auch, Maßeinheiten und Währungen zu vereinheitlichen. Thrashers Vereinheitlichungen, bei denen er oft ohne Umrechnung, z. B. Celsiusgrade in Fahrenheit oder Piaster in Dollar angibt, zerstören die dynamischen Verstehensprozesse, die aus Humboldts Labyrinthen erwachsen.

All dies, um Humboldts die Leser fordernden Text in den geschmeidigeren Tonfall einer dem US-amerikanischen Publikum vertrauten Ausdrucksweise umzuwandeln. Thrashers Übersetzung „reads well today“, so Markus Wiener, der Verleger der von Luis Martínez Fernández besorgten Ausgabe von The Island of Cuba … aus dem Jahre 2001. Gute Lesbarkeit ist hier offenbar immer noch wichtiger als Originaltreue, vor allem verglichen mit Helen Maria Williams’ früheren Übersetzung des Essai politique …, die der Herausgeber als „very old-fashioned and for today’s reader nearly unreadable“ abtut.57 Natürlich wird damit angedeutet, dass Humboldts eigene Schriften eigentlich unlesbar waren – und es Anfang des 21. Jahrhunderts anscheinend immer noch sind.58 Ob dem wirklich so ist, mögen die Leserinnen und Leser beurteilen, wenn Sie eines der in vielen Ausgaben neu verfügbaren Werke des berühmten Gelehrten zur Hand nehmen oder im Internet59 aufrufen.

Bibliographie

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Humboldt, Alexander von (2024): Politischer Versuch über die Insel Kuba. Hrsg. von Vera M. Kutzinski, Ingo Schwarz und Ottmar Ette. Mit einem Vorwort von Ottmar Ette. Berlin: J. B. Metzler.

Kutzinski, Vera M. (2009): Translations of Cuba: Fernando Ortiz, Alexander von Humboldt, and the curious case of John Sidney Thrasher. In: Atlantic Studies 6.3, S. 303–326.

Kutzinski, Vera M. (2024): Übersetzen oder nicht? Alexander von Humboldts Mehrsprachigkeit; oder, Was es heißt, zu humboldtisieren. In: Alexander von Humboldt: Die ganze Welt, der ganze Mensch. Ed. Ottmar Ette, Barbara Göbel, Tobias Kraft. S. 65–78. Hildesheim: Georg Olms Verlag.

Leitner, Ulrike (1997): Las obras de Alejandro den Humboldt sobre Cuba. In: Alejandro de Humboldt en Cuba: [catálogo para la exposición en la Casa Humboldt, Habana Vieja, Octubre 1997–Enero 1998, Ed.: Frank Holl] Augsburg: Wissner, S. 5160.

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Ortiz, Fernando (1930): El traductor de Humboldt en la historia de Cuba. Nachwort in Humboldt, Alexander von, Ensayo político sobre la isla de Cuba. S. 183–222. Colección de Libros Cubanos XVII. 2 vols. La Habana: Cultural, S. A.

Stevens, Henry (1967): The Humboldt Library. A Catalogue of the Library of Alexander von Humboldt. London. Reprint: Leipzig 1967.

Thrasher, John S. (1856): Baron Humboldt and Mr. Thrasher. In: The New York Daily Times. Vol. V, No. 1532, S. 1.

1 Humboldt 1856a.

2 John S. Thrasher an Humboldt, New York, 14. 12. 1855. H: Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabt., Nachl. Alexander von Humboldt, großer Kasten 2, Mappe 3, Nr. 11. Gedruckt in Humboldt 2004, S. 365–367; Druck der Handschrift, ebd., S. 366.

3 Humboldt 1827. Humboldt hatte dieses Werk in seiner persönlichen Bibliothek; vgl. Stevens 1967, S. 326, Nr. 4643.

4 Humboldt 1826, dieses Werk befand sich nicht in Humboldts Bibliothek.

5 Vgl. Humboldt 1856a, S. 336; hier beginnen Ergänzungen durch Thrasher.

6 Humboldt schreibt versehentlich „par“.

7 Vgl. Humboldt 1827, S. 261–287: Capítulo VII, De la esclavitud.

8 Vgl. Humboldt 1970, Bd. 3, S. 445459.

9 Vgl. Humboldt 18161831, Bd. 12.

10 Vgl. Humboldt 1856a, S. 183–210: Chapter V, Population.

11 Vgl. Humboldt 1827, S. 96158: Capítulo III, Población.

12 Vgl. Humboldt 1856a, S. 211–231: Chapter VI, Slavery.

13 Vgl. Ebd., S. 232–249: Chapter VII, Races.

14 Notiz von Humboldts Hand in seinem Handexemplar der Thrasher-Übersetzung, das später von Fernando Ortiz in Leipzig erworben wurde und sich heute in der Biblioteca Nacional José Martí de Cuba in Havanna befindet. Da der Band in Stevens 1967 nicht verzeichnet ist, kann man vermuten, dass er vorerst bei Eduard Buschmann blieb und später verkauft wurde. Siehe Fiedler/Leitner 2000, S. 122123. Druck der Seite: Leitner 1997, S. 57, Fiedler/Leitner 2000, S. 124, Kutzinski 2009, S. 309.

15 In Nordamerika, wie auch in Südamerika, waren u. a. Ortschaften, Gewässer, Berge und ein Gletscher (in Grönland) nach Alexander von Humboldt benannt; vgl. Oppitz 1969. Humboldt fürchtete, dass er sich durch seinen Protest unbeliebt machen würde und dass Befürworter der Sklaverei Umbenennungen fordern könnten.

16 Ein nicht entzifferter Buchstabe.

17 Jules (Julius) Oppert (18251905), deutsch-französischer Altorientalist.

18 Humboldt an Eduard Buschmann, [Berlin], Mittwoch, [23. 7. 1856], H: Kraków, Biblioteka Jagiellónska, Nachl. Alexander von Humboldt Bd. 14/2 Bl. 433434.

19 Siehe Humboldt 1970, Bd. 3, S. 445459; diese Seitenangabe bezieht sich auf die Passage über die Sklaverei. Die Ausgabe Humboldt 1825 (Bd. 3). enthält in veränderter Reihenfolge Kap. XXVI (ohne „Notes“), einen Teil von Kap. XXVII und das gesamte Kap. XXVIII. Siehe dazu Fiedler/Leitner 2000, S. 118. Humboldt 1826 ist dagegen nicht in Kapitel aufgeteilt.

20 Eine englische Übersetzung der zum „Kuba-Werk“ zusammengestellten Texte findet sich in Humboldt 1972, Bde. 6 und 7. Eine vollständige neue kritische englische Ausgabe ist Humboldt 2011, die auf der zweibändigen französischen Originalausgabe aus dem Jahr 1826 beruht.

21 Für eine deutsche Übersetzung siehe Humboldt 2024, S. 176177. Humboldts Zitat weicht von der Vorlage ab: „[…] j’ai examiné seulement ce qui regarde l’organisation des sociétés humaines; l’inégale répartition des droits et des jouissances de la vie; les dangers menaçans que la sagesse du législateur et la modération des hommes libres peuvent éloigner, quelles que soient les formes du gouvernement. Il appartient au voyageur qui a vu de près ce qui tourmente ou dégrade la nature humaine, de faire parvenir les plaintes de l’infortune à ceux qui peuvent la soulager. J’ai observé l’état des noirs dans des pays où les lois, la religion et les habitudes nationales tendent à adoucir leur sort; et cependant j’ai conservé, en quittant l’Amérique, cette même horreur de l’esclavage que j’en avois conçue en Europe.“ Humboldt 1970, Bd. 3, S. 446; vgl. auch Humboldt 1826, Bd. 1, S. 305–308.

22 Humboldt 1856b, S. [4]. Wiederabdruck in Humboldt 2004, S. 560–561.

23 Baron Friedrich von Gerolt (17971879) war von 1844 bis 1868 mit einer Unterbrechung der preußische Gesandte in den Vereinigten Staaten.

24 Humboldt an Eduard Buschmann, [Berlin], Freitag Nacht, [25.26. 7. 1856] H: Kraków, Biblioteka Jagiellónska, Nachl. Alexander von Humboldt Bd. 14/2 Bl. 435436.

25 Im Druck die vom deutschen Text abweichende Angabe „345458“.

26 Humboldt 1856c, S. 2.

27 Der französische Journalist und Bibliothekar Samuel Ustazade Silvestre de Sacy (18011879) war der Sohn des berühmten Orientalisten Antoine-Isaac Silvestre de Sacy (17581838), bei dem Alexander von Humboldt u. a. die Grundlagen des Persischen erlernte.

28 Vgl. Humboldt an Eduard Buschmann, [Berlin, 29. 7. 1856], H: Kraków, Biblioteka Jagiellónska, Nachl. Alexander von Humboldt Bd. 14/2 Bl. 437438.

29 Humboldt 1856d, S. 2. Wiederabdruck in Humboldt 2004, S. 561–562.

30 Humboldt 1856e, S. 8. Vgl. Humboldt 2019, S. 366.

31 In Humboldt 2019 nicht erwähnt.

32 Der nordamerikanische Offizier, Forschungsreisende und Politiker John Charles Frémont (18131890) war von September 1850 bis März 1851 US-Senator (Kalifornien). Im Jahr 1856 stand er als erster Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei dem Kandidaten der Demokraten James Buchanan (17911868) gegenüber. Der Staatsmann und Diplomat Buchanan war von 1853 bis 1856 Gesandter in Großbritannien und von 1857 bis 1861 der 15. Präsident der USA.

33 Die Free Soil Party (1848 von der Democratic Party abgespalten) trat dafür ein, dass die Sklaverei nicht in die Bundesterritorien ausgedehnt werde; sie verschmolz 1856 mit der Republican Party, als diese ein Freibodenprogramm annahm.

34 Das Kansas-Nebraska-Gesetz von 1854 legte fest, dass die Bewohner dieser Territorien über die Einführung der Sklaverei selbst entscheiden sollten. Im Jahr 1856 befand sich Kansas praktisch in einem Bürgerkrieg um die Sklavenfrage; das Territorium wurde 1861 als sklavenfreier Staat in die Union aufgenommen. Nebraska wurde erst 1867 als 37. Bundesstaat in die Union aufgenommen.

35 Friedrich von Gerolt an Humboldt, New York, 25. 8. 1856, gedruckt in Humboldt 1860, S. 316–317; Wiederabdruck in Humboldt 2004, S. 388.

36 Vgl. Humboldt 2019, S. 366–368.

37 Thrasher 1856. Wiederabdruck in Humboldt 2004, S. 563.

38 Humboldt 1860, S. 332. Vgl. Foner 1983, S. 331.

39 Humboldt an Varnhagen von Ense, Berlin, 21. 11. 1856, gedruckt in Humboldt 1860, S. 332.

40 Fernando Ortiz Fernández (18811969), kubanischer Wissenschaftler, Politiker und Jurist.

41 Humboldt 1930, Bd. 2, S. 186. Alle deutschen Übersetzungen von Ortiz’ Text stammen von V. Kutzinski.

42 Ebd., S. 203. Die Feldzüge zur Befreiung Kubas von der spanischen Kolonialmacht des in Venezuela gebürtigen spanischen Generals Narciso López de Urriola (17971851) waren trotz ihres Scheiterns von großer Bedeutung für die lateinamerikanischen Unabhängigkeitsbestrebungen.

43 Ebd., S. 205–206. Vgl. auch Foner 1983, S. 337.

44 Siehe Ortiz 1930, Bd. 2, S. 210.

45 Die bei weitem bemerkenswerteste Wiederbelebung des Interesses an Humboldt durch kubanische (und lateinamerikanische) Intellektuelle erfolgte in den Jahren 1959 bis 1960. In Havanna erschienen zu dieser Zeit nicht weniger als drei Neuauflagen des Ensayo aus Anlass des 100. Todestages von Alexander von Humboldt am Vorabend des neuen, revolutionären Kubas. Die Vorlage jeder der drei mit neuen Vorworten versehenen Neuauflagen war Ortiz’ Ausgabe von 1930, inklusive seiner ausführlichen Einführung und seines Nachwortes.

46 Ortiz 1930, Bd. 2, S. 225.

47 Ebd., S. 209–210. Foner weist darauf hin, dass wenig später sowohl der Historiker und Diplomat George Bancroft (18001891) als auch der von Humboldt geförderte Wissenschaftler Louis Agassiz (18071873) Humboldts bittere Kritik an der Sklaverei verfälschten (Foner 1983, S. 334).

48 Siehe Humboldt 1972.

49 Ortiz 1930, Bd. 2, S. 212–213.

50 Ortiz 1930, Bd. 2, S. 213–214.

51 Siehe ebd., Bd. 2, S. 215, Fußnote 1.

52 Humboldt 1827.

53 Humboldt 1856a, S. 5.

54 Ebd.a, S. 118123. Weitere längere Einfügungen betreffen Kubas Bodenschätze (S. 144149), das Klima der Insel (S. 169–73), ihre Bevölkerung (S. 205–210 und S. 229–231), die Zuckerproduktion (S. 262–264), und Staatseinkünfte (S. 336–349).

55 Ebd., S. 123.

56 Vgl. Kutzinski 2024.

57 Martínez Fernández vermittelt den Eindruck, dass Thrasher eigentlich nur ein einziges von Humboldts „Kapiteln“ unterschlagen hatte, ansonsten aber dem Original gefolgt war. Die Ausgabe von 2001 liefert dieses „Kapitel“ im Anhang, also immer noch nicht an seinem eigentlichen Platz und in einer neuen Übersetzung nicht etwa aus dem Französischen, sondern aus einer nicht nachgewiesenen deutschen Fassung. Für weitere Einzelheiten über die Unterschiede zwischen den Übersetzungen von Thrasher und von Williams siehe Kutzinski 2009, S. 317–321.

58 Vgl. Kutzinski 2024, S. 6768.

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